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»Danke, dass Sie extra aus NRW gekommen sind…«

Erzbischöfliche Theresia-Gerhardinger-Realschule Weichs

Lebenswege mit den eigenen Fußabdrücken, Rassismus heute und polarisierende Kunstprojekte: 90 Schüler*innen werden in Weichs zu Zweitzeug*innen.

Ja, von NRW / Niedersachsen bis nach Weichs (bei München), das ist schon ein weiter Weg. Aber dann denke ich an Rolf Abrahamsohn, der so schön sagte: »Und wenn Du von 50 nur einen erreichst, dann hast Du schon viel geschafft.« Jeder Weg lohnt sich spätestens, wenn man in aufmerksame Gesichter schaut. Wenn man merkt, dass die Geschichten, die man teilt, zu wirken beginnen.

Erzbischöfliche Theresia-Gerhardinger-Realschule Weichs

Auch heute sitzen wir nach sechs Stunden Projektarbeit in vier 9. Klassen der Erzbischöflichen Theresia-Gerhardinger-Realschule in Weichs zusammen und sind platt aber glücklich. Ksenia, Charlotte, Lukas und ich – wir alle sind anders als Zweitzeugen. Wir erzählen andere Geschichten, benutzen unterschiedliche Methoden besonders gerne. Und im Gespräch wird deutlich, wie gut das ist:

Erzbischöfliche Theresia-Gerhardinger-Realschule WeichsCharlotte ist zum Beispiel zufällig in der iPad Klasse gelandet. Medienkompetenz ist kein Problem. Aber als die hauptberufliche Grundschullehrerin dann die Tonpapiere hervorholte und erklärte, dass die Präsentation der Lebenswege ganz und gar analog (mit Schere, Stift und Papier) erarbeitet werden soll, waren erst einmal viele verblüffte Gesichter zu sehen. Am Ende haben die Schüler*innen gefragt, ob wir nächstes Jahr wieder kommen und ob sie den Lehrer*innen berichten sollen, damit auch der Jahrgang unter ihnen das tolle Projekt machen könne. Erzbischöfliche Theresia-Gerhardinger-Realschule WeichsLukas stand hingegen vor einer fast reinen Mädchenklasse. Das habe eine ganze eigene Dynamik, berichtet er und bringt von 21 Schüler*innen 19 liebevoll gestaltete Briefe mit. Alle wollten sie den Überlebenden antworten.

Erzbischöfliche Theresia-Gerhardinger-Realschule WeichsMeine Gruppe war heute weniger schreib- dafür umso diskussionsfreudiger. Ich hatte gerade über die ersten Diskriminierungserfahrungen von Frieda berichtet, da waren wir bei ähnlichen aber aktuellen Entwicklungen im Heute. Und Ksenias Gruppe hat aktuelle Kunstprojekte, wie »Yolocaust« von Shahak Shapira analysiert: Was kann Erinnerungskultur? Was sollte und was darf sie auch nicht? Es war ihr zweiter Workshop, glaube ich, und solch ein Thema mit Jugendlichen zu diskutieren, kann richtig schwierig sein. Aber sie ist begeistert und schließt mit dem Gedanken, bei dem ich auch immer wieder ankomme:

»Auch wenn ich selten mittags um 14.00 Uhr schon so müde und platt bin, in diesem Moment weiß ich, warum wir erzählen. Danke, dass wir extra aus NRW kommen durften.«

Sarah Hüttenberend, 1. Vorsitzende

Fotos: © Björn Helpap