Archiv 2017, Allgemein

Ein wundervolles Schulprojekt in Bayern

Sonderpädagogisches Förderzentrum Regenstauf

Aus Duisburg, Wiesbaden und Frankfurt machten wir (Charlotte, Christine und Lukas) uns am 28. November auf den Weg nach Regenstauf in Bayern, um in zwei Klassen des Förderzentrums jeweils ein zweitägiges HEIMATSUCHER-Projekt durchzuführen.

Aber der Reihe nach:

Nach langer Fahrt angekommen bezogen wir unsere Zimmer in einem netten kleinen Gasthof und wollten uns eigentlich nur noch kurz mit einer der Lehrerinnen treffen, um letzte Details für das HEIMATSUCHER-Projekt abzusprechen. Aus dem „kurzen Treffen“ wurde spontan ein „etwas längerer“ sehr netter Abend in einer Pizzeria, zu dem dann auch noch die Schulleiterin und eine weitere Lehrerin kamen.

Am Mittwoch standen wir um 7.30 Uhr noch etwas müde vor der Schule und wurden dort bereits von zwei Schülern erwartet, die uns begrüßten und die Klassenräume zeigten.

Im Vorfeld hatten sich die Schüler*innen im Unterricht schon intensiv mit dem Thema „Nationalsozialismus“ befasst, das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg besucht und den Film „Schindlers Liste“ gesehen. Wir waren beeindruckt, wieviel die Schüler*innen bereits wussten. Aber trotz dieses Vorwissens war die Betroffenheit bei der Einheit „ein ganz normaler Tag“ groß, als deutlich wurde, in welchem Ausmaß das Leben von Juden in Deutschland ab 1933 immer mehr eingeschränkt wurde. Von dem „ganz normalen Tag“ blieb am Ende nur noch wenig übrig. Eine Schülerin kommentierte dies mit dem Satz „immerhin haben sie ihnen nicht verboten zu atmen.“

Nach der Pause erzählten wir den Schüler*innen die Geschichte von Rolf Abrahamsohn. Alle lauschten gebannt. Die Betroffenheit, über die Erlebnisse von Rolf war deutlich zu spüren. Alle wollten einen Brief schreiben. Mit großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt wurden wundervolle Briefe an Rolf geschrieben und mit tollen Bildern verschönert. Dabei entwickelten einige Schüler*innen einen besonderen Ehrgeiz und recherchierten sogar im Internet, um besonders gute Witze für Rolf zu finden. Wir hoffen, dass Rolf über den BVB-Blondinen-Witz genauso lachen kann, wie die Schüler*innen. 

Nach diesem intensiven Schulvormittag wartete ein super leckeres Mittagessen, dass eine Schülergruppe extra für uns gekocht hatte. An einem perfekt gedeckten Tisch genossen wir Spaghetti mit Bolognese-Soße, Salat und einen Nachtisch und konnten uns mit den Lehrer*innen über den ersten Projekttag austauschen.

Am Nachmittag hatten wir Zeit, um uns auszuruhen und Regensburg zu erkunden. Nach dem Abendessen wurden – Dank Charlottes Beharrlichkeit – auch noch alle bürokratischen Vorgaben gewissenhaft geregelt und letzte Absprachen für den nächsten Tag getroffen.

Am zweiten Tag waren die Schüler*innen an der Reihe und sollten die Geschichten von Chava und Siegmund erzählen. In zwei Gruppen wurde hochkonzentriert und motiviert gearbeitet, auch wenn die Texte teilweise ganz schön lang und schwer zu verstehen waren.

Mit einer beeindruckenden Präsenz wurden die Über-Lebensgeschichten vorgestellt. Nicht nur die Mitschüler*innen und Lehrer*innen, auch wir waren tief berührt, wie unsere neuen Zweitzeug*innen die beiden Lebensgeschichten erzählt haben.

Später legten die Schüler*innen neben die Lebensspuren von Chava und Siegmund Papierfüße oder –hände, auf die sie ihre Gedanken geschrieben hatten.

Bei der sehr lebendigen Abschlussrunde war deutlich zu spüren, dass es einen großen Unterschied macht, ob man nur Fakten kennt oder durch Lebensgeschichten einen emotionalen Zugang gewinnen kann. Die Schüler*innen der beiden Klassen pflegten eine soziale Dynamik, in der auf die Emotionen der anderen geachtet wurde. Wir konnten die Kinder innerhalb der zwei Tage sicherlich nur ansatzweise kennenlernen, aber ihren gegenseitigen Umgang zu betrachten, half dabei sehr stark. Es entstand der Eindruck, dass es gerade  im Raum Schule für Kinder eine große Rolle spielt, vor anderen jemand zu sein, sich zu getrauen Gedanken und Gefühle zu äußern und sich gegenüber der Mitschüler*innen verantwortlich zu zeigen. Die Schüler*innen in Regenstauf zeigten an diesen beiden Tagen großen Respekt und Feingefühl, was sie auch auf ihrem weiteren Lebensweg begleiten soll. Das Motto des Förderzentrums Regenstauf lautet »Im Mittelpunkt steht der Mensch«. Diese Motto wird im Schulalltag wirklich gelebt.

Müde, randvoll mit Eindrücken und sehr dankbar haben wir uns nach drei intensiven Tagen auf die lange Heimreise nach Frankfurt, Wiesbaden und Duisburg gemacht. Auf dem Rückweg waren wir alle drei sehr glücklich über das vergangene Projekt und wir erzählten uns munter unsere Erfahrungen, da wir ja in zwei unterschiedlichen Klassen arbeiteten. Wir freuen uns also auf weitere HEIMATSUCHER-Projekte in Regenstauf, denn das Förderzentrum möchte Zweitzeugen-Schule werden.

Christine Ewald & Lukas Trautmann