Archiv 2016

Eine Begegnung mit Hannah

»Oh, Hallo! Ich habe leider keine Zeit! Ich muss. Mein Taxi wartet unten. Kannst du bitte heute Abend noch einmal anrufen?« – Das war mein Einstieg in die Bildungsarbeit von HEIMATSUCHER. Keine 5 Sekunden war ich mitten im Leben der Shoa-Überlebenden Hannah Pick-Goslar. Und schon war ich auch schon wieder draußen. Wir hatten aufgelegt.

Doch schon am nächsten Morgen begegneten wir uns wieder, im Hamburger Gymnasium Bondenwald. Gemeinsam mit den Schüler*innen hörte ich Katharina zu, wie sie Hannahs Geschichte erzählte. Von der unbeschwerten Kindheit erst in Deutschland, später in Amsterdam, wohin Hannahs Familie vor den Nazis geflohen war. Von ihrer Freundschaft zu Anne Frank, von ihrer letzten Begegnung mit der Freundin im Konzentrationslager Bergen-Belsen, von der Sorge um ihre kleine Schwester. Vom Schmutz, vom Dreck, von den Erniedrigungen. Katharina sagt uns, wie sehr Hannah bis heute unter diesen Erfahrungen leidet. Während ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich wieder Gänsehaut. Und ich denke an die Stimme von gestern, die voller Energie zu ihrem Taxi wollte. Ein und derselbe Mensch.

Da ist es wieder: Dieses »BAM« im Kopf. Die Nazis, die Shoa, die Konzentrationslager, all die Opfer. Das ist nicht alles »nur« Geschichte in Büchern. Das sind Menschen, genau wie ich. Und ich kann mit den Überlebenden sprechen, wenn ich es will und sie es wollen. Kann ihre Geschichte erfahren, an ihrem Leben teilhaben. Doch dieses Privileg werden spätere Generationen nicht haben, denn unsere Zeitzeug*innen sind schon sehr alt und leben meist weit weg in Israel.

Vor mir sitzen 26 Hamburger Schüler*innen in einem Klassenraum wie so viele andere. Ich habe das Gefühl, dass sich seit meiner eigenen Schulzeit nichts verändert hat. Es ist laut, unruhig, es wird gequatscht und rumgealbert. Sie kommen gerade alle aus der Pause. Katharina stellt sich vor, beginnt mit Hannahs Geschichte, ein großes Porträt von Hannah ist an die Wand projiziert. Für die nächsten 30 Minuten ist es unglaublich still im Raum. Die Klasse versinkt in der Erzählung, die Gesichter vieler verändern sich. Einige sind gespannt, einige traurig, einige überrascht. Nach dem Vortrag kommen schon die ersten Fragen: »Hat Hannahs Schwester überlebt?«,»Wie lange war sie im KZ?«, »Wie lange musste sie mit dem Zug fahren?«.

»Das alles könnt ihr Hannah gleich selbst fragen!«, sagt Katharina und wir beide, sie und ich, beten innerlich, dass die Telefonverbindung zu Hannah, die in Israel lebt, klappt. Und dass Hannah uns gut verstehen kann.

Es klingelt wenige Male und dann höre ich wieder Hannahs klare und bestimmte Stimme: »Shalom, könnt ihr mich hören?« Ja, wir können. Nacheinander gehen fünf Schüler*innen nach vorne und fragen Hannah direkt übers Handy. Sie antwortet klar, präzise und man spürt ihr Bedürfnis, Dinge zu erklären, deutlich zu machen. Die Offenheit und Unbefangenheit der Schüler*innen beeindruckt mich dabei am meisten. Sie reden mit ihr wie mit einer Bekannten, wie mit ihrer Oma.

Am Ende des Workshops haben dann alle die Gelegenheit, ihre Fragen an die Überlebenden zu stellen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, den Zeitzeug*innen zu antworten. Es werden an diesem Vormittag viele Briefe geschrieben – nicht nur an Hannah, sondern auch an Rolf, Chava und Erna, deren Geschichten die Schüler*innen selbst gelesen und vorgestellt hatten. Ich sehe viele Briefe, die alle mit „Liebe*r…“ anfangen und bin sehr gerührt.

Dieser Vormittag hat mir mehr denn je gezeigt wie wichtig die HEIMATSUCHER und ihre Arbeit für die Überlebenden und für uns alle sind. Dafür, dass Geschichte nicht nur Geschichte in Büchern bleibt, sondern dass es hier um Menschen geht. Um uns.

Wencke, seit November 2016 ehrenamtlich bei HEIMATSUCHER mitwirkend

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