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Elisheva Lehman

Ellisheva Lehman

Begegnet man Elisheva Lehman, so trifft man eine fröhliche kleine Kugel, wie sie selbst auch von sich sagt. Eine Frau, die von einem Leben voller Liebe und schönen kleinen Momenten erzählt. Erst während der langen Gespräche zeichneten sich auch die Narben ab, die nach den Jahren unter holländischen Häuserböden und mit der andauernden Angst, entdeckt zu werden, zurück geblieben sind.

 

»Ich hab schon vor mir gesehen, wie ein deutscher Soldat in der Steppe von Russland den Krieg gewinnt auf meinem Fahrrad.«

geboren 1924 in Holland, lebt heute in Jerusalem

 

Begleitet man Elisheva Lehman durch das Parentshome Moses, so wird sie von jedermann gegrüßt. Sowohl Bewohner wie Angestellte mögen die fröhliche, kleine Dame. Man kann es ihnen nicht verdenken. Auf typisch ungezwungene, niederländische Art ruft sie: »Komm setz dich, Schätzchen!« und schon reden wir über das Jungsein, die Liebe und das Meer.

Ellis hat viel geliebt in ihrem Leben. Sie sagt, sie habe Glück gehabt, dass sie zwei Lieben haben durfte. Denn viele Menschen erleben höchstens eine wirkliche Liebe. Wenn Ellis von Elmar, ihrem verstorbenen Ehemann, erzählt, dann strahlt sie, als habe es nichts Schlechtes in ihrem Leben gegeben. Auch ihr ganzes Zimmer ist vollgestellt mit kleinen Zeugnissen der Liebe in ihrem Leben: Unzählige Bilder ihrer Familie stehen auf Tischen und Schränken, kleine Kunstwerke ihrer Enkel zieren die Tür und Selbstgebasteltes wie Gesammeltes erinnert sie an Menschen und Erlebnisse. Ihr Rummel, wie sie ihre wilde Sammlung liebevoll nennt, gibt uns immer wieder Anlass zu kleinen Abschweifungen. Es macht Spaß, ihr zuzuhören.

Dennoch bekommen wir immer wieder kleine Ahnungen von der schlimmen Zeit ihrer Vergangenheit, die in ihrer Gegenwart nicht vergessen sind. Da ist die Angst, wenn Nachts ein Auto auf der Straße hält und das verständnislose Kopfschütteln über den weiterhin präsenten Antisemitismus. Und da ist Berni, ihre erste große Liebe. Sie wollten nach dem Krieg heiraten, da waren sie sich ganz sicher. An ihrer Parkbank hatten sie sich verabredet, doch er ist nicht zurück gekommen. Obwohl Ellis sich noch einmal verlieben konnte, hat sie sich Berni gegenüber ein Leben lang schuldig gefühlt.

Erst über 60 Jahre nach dem Krieg konnte sie diesen Verlust zusammen mit ihrer Tochter aufarbeiten. Sie zeigt uns die Tagebücher, die Berni während des Krieges für sie schrieb. Wir lesen die Zeilen voller Liebe und Hoffnung und wissen um Bernis Tod in Auschwitz. Es schnürt einem die Kehle zu – ein Gefühl, das durch keine fröhliche Geschichte getröstet werden kann.

Dann ist es Zeit und wir reißen uns von dem Vergangenen los. Eine Etage tiefer warten Bewohner, denen es körperlich oder psychisch sehr schlecht geht, vorfreudig auf Ellis. Sie spielt ihnen einmal in der Woche etwas auf dem Klavier vor und teilt so etwas von ihrer Lebensfreude; Melodien von früher. Immer hat die Musik Elisheva begleitet. Sie gab ihr Kraft und Mut. Wir sehen zu, wie Ellis laut singend Kraft und Freude versprüht und fühlen uns mit einem mal fröhlich. Wir können sogar ein paar Melodien mitsummen: »Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus und Du mein Schatz bleibst hier…«

Ellis am Klavier, die die Menschen um sie herum fröhlich macht – dieses Bild bleibt uns im Kopf und es wird zum Kommentarbild unseres Portraits.

Als es Zeit ist, Abschied zu nehmen, gehen wir als Freunde auseinander.

Auch wenn viele der Begegnungen in Israel nur ein paar Stunden dauerten, haben wir jeden Einzelnen und jede Einzelne wie Vertraute in unser Herz geschlossen. Denn Gespräche von einer solchen Intensität und Offenheit bleiben nicht an der Oberfläche.

» Hineinlauschen
» Fragen? Schreib Ellis Zweitzeugin Sarah.