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Frieda Kliger

Die Geschichte Frieda Kligers ist eine, die man am liebsten nicht glauben möchte. In Polen geboren lebte sie zunächst mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto. Dank ihrer Arbeitserlaubnis durfte sie außerhalb arbeiten, doch als das Ghetto liquidiert wurde, ging sie ohne nachzudenken über den Todesstreifen, um bei ihrer Familie zu bleiben. Wie durch ein Wunder passierte ihr nichts und auch als ihr Versteck aufflog, sie deportiert und ins Krematorium geschickt wurde, kam in letzter Sekunde ein Aufseher mit dem Befehl, 1.000 Frauen für Auschwitz zu holen. Selbst als sie sich vor den elektrischen Zaun werfen wollte, brachte sie der Wachmann zum Umkehren. Friedas eine Geschichte endet in Bergen-Belsen und dort fängt auch ihre andere an: Als erstes jüdisches Paar nach dem Krieg heiratete sie dort ihren Mann und zusammen gingen die beiden nach Israel, um ein neues Leben zu beginnen.

 

»I wanted to die but when he screamed: »Run away«, I ran. And I didn’t kill myself, the instinct of life was still stronger than to die. It was ment that I survive.«

Frieda Kliger, geboren 1921 in Polen, lebt heute in Jerusalem

 

Eigentlich wollte Frieda Kliger nie wieder mit einem Deutschen reden. Sie wollte auch nichts deutsches in ihrer Wohnung haben. Ständig gehen ihr die Glühbirnen kaputt, weil die einzig guten in Deutschland produziert werden. Und dann bringt die damals 90-jährige doch noch einmal die Kraft auf, überwindet sich und lädt die junge deutsche Frau zu sich nach Hause ein.

Unsere erste kurze Begegnung fand auf einer Theateraufführung statt. Frieda spielte mit anderen Überlebenden und deren Enkeln die Erlebnisse während der Schoah nach. Mit dem Ende der Aufführung war Frieda umringt von Freunden und Verwandten – ein Bild geprägt von Leben, Herzlichkeit und Liebe. Die nächsten Tage war Frieda von der Thematisierung ihrer Vergangenheit körperlich zu erschöpft für ein weiteres Treffen. Doch dank des guten Zuspruchs ihrer Tochter wuchs Frieda schließlich über sich hinaus und lud mich zu einem Gespräch ein: erst einmal nur reden.

Wir redeten über sechs Stunden. Eigentlich hatten ich eine eher zögerliche, vielleicht skeptische Begegnung erwartet. Tatsächlich wurde ich mit einem Lächeln und einer Umarmung empfangen, beide Seiten etwas unsicher. Als wir uns verabschieden mussten, war noch lange nicht alles erzählt und für Fotos fehlte eigentlich das Licht. Aber darum ging es nicht mehr. Wir verabschiedeten uns als Vertraute und stumm staunte ich, wie viel sich in den Stunden unserer Begegnung verändert hatte. Ob ich zum Purim-Fest nicht ihr Gast sein wolle? Das Purim Fest ist, ähnlich unserem Karneval, ein Freudenfest. Wir redeten und aßen zu lange, so dass wir den großen Umzug verpassten. Aber die Straßen waren noch voll von verkleideten, fröhlichen Menschen. Gerade eben hatten wir über Auschwitz gesprochen und kurz darauf standen wir eingehakt auf der Straße und lachten über einen kleinen Marienkäfer, der glücklich die süße Beute seiner Mutter zeigte.

Frieda Kliger hat Unfassbares erlebt und besitzt heute – vielleicht auch zu ihrer eigenen Überraschung – die Stärke, ihr Herz zu öffnen und Freundschaft zu schließen. Der letzte Satz unseres Interviews: »Sarah don’t cry, I cried enough for all that.« beschreibt die intensive und emotionale gemeinsame Zeit sehr gut. Zwei Tage lang haben wir geredet, geweint und uns zum Schluss umarmt. So etwas kann man schwer in Worte fassen.

» Hineinlauschen
» Fragen? Schreib Friedas Zweitzeugin Sarah.