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Hannah Pick-Goslar

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte die Familie von Hannah Pick-Goslar nach Amsterdam. Dort lernte sie Anne Frank kennen und besuchte mit ihr die Schule. Im Juni ’43 wurde »Hanneli«, wie sie von Anne in ihrem Tagebuch genannt wird, zusammen mit ihrem Vater, ihren Großeltern und ihrer jüngeren Schwester Gabi von der Gestapo verhaftet und nach Bergen-Belsen deportiert. Dort traf sie ihre Jugendfreundin im März ’45 kurz vor deren Tod wieder. Hannah wurde zusammen mit anderen Anfang April ’45 in den Verlorenen Zug gepfercht und überlebte nach einer 10-tägigen Irrfahrt mit ihrer Schwester durch Deutschland schließlich die Schoah. Heute lebt sie als Teil einer großen und liebevollen Familie in Jerusalem, der Heimat ihres Glaubens und ihrer Wahl.

 

»Es war besser, als in den anderen Lagern: Wir wurden nicht tätowiert, wir wurden nicht kahl geschoren, uns wurden nicht die Pakete abgenommen, wir durften unsere eigene Kleidung anziehen und es wurde nicht getötet. Sie sehen, man muss sich schon für komische Sachen bedanken.«

geboren 1928 in Deutschland, lebt heute in Jerusalem

 

Zu Beginn wollte Hannah Pick-Goslar nicht an unserem Projekt teilnehmen. Sie sagte, sie habe die Zeit nicht als so schlimm in Erinnerung, sei sie doch noch ein Kind gewesen, das Vieles überhaupt nicht mitbekommen habe. Doch sie ließ sich überzeugen, dass auch ihre Lebensgeschichte Teil der Gesellschaft ist, die wir darstellen möchten.

Wir sitzen uns in ihrem Wohnzimmer gegenüber. Ihre gesamte Wohnung erzählt von einer sehr gebildeten Frau. Das schüchtert im ersten Moment ein. Doch dann beginnt Hannah zu plaudern, von früher und Deutschland. Man vergisst schnell, dass man in Israel ist. Wir haben die gleiche Heimat und eine ähnliche Kultur.

Während wir miteinander reden, klingelt es an der Tür. Hannahs Enkelin besucht ihre Oma auf dem Heimweg von der Arbeit. Das macht sie jeden Tag. Es ist schön den beiden in ihrem Gespräch zuzuschauen: das liebevolle Miteinander zwischen Generationen.

Gleichzeitig sind Hannahs radikalen politischen Einstellungen Zeugen ihrer Vergangenheit. Am Morgen des Tages unseres Treffens ist eine Siedlerfamilie an der Grenze zum palästinensischen Autonomiebereich umgebracht worden. Was soll man einer Frau entgegnen, die als Kind verfolgt wurde, Lager überlebte und der bis heute kein friedliches Zuhause vergönnt ist?

Obwohl Hannah Pick-Goslar häufig eingeladen wird, über ihre Geschichte und über Anne Frank zu sprechen, hat sie sich Zeit genommen. Mehr noch, sie war freundlich und offen. Wäre die Zeit gewesen, so hätte sie mich zu einem Shabbat-Mahl im Kreise ihrer Familie eingeladen. Es ist beeindruckend, mit welcher Offenheit und Wärme sie einer Fremden begegnet ist.

» Hineinlauschen
» Fragen? Schreib Hannahs Zweitzeugin Sarah.