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Helden der Vergangenheit und Weltverbesserer der Zukunft: Die HEIMATSUCHER zu Besuch bei climb

Gastbeitrag von climb:

Wenn man sich einen Samstag lang mit dem Holocaust beschäftigt und danach nicht deprimiert ist, sondern optimistischer als vorher, war wohl ein bisschen Magie im Spiel. In diesem Fall: die Zweitzeuginnen von HEIMATSUCHER, unsere tollen Stipendiatenkids und das Bewusstsein, dass in jedem von uns das Potenzial steckt, für andere einen Unterschied zu machen.

Im Rahmen des climb-Stipendiums hatten wir an einem Samstag im Februar ganz besonderen Besuch: Sarah, die Gründerin von HEIMATSUCHER e.V., und ihre Kollegin Marina kamen ins climb-Büro, um unseren Stipendiatenkindern drei außergewöhnliche Geschichten zu erzählen: die Lebensgeschichten von Siegmund, Elisheva und Tibi, die alle drei als Jugendliche, kaum älter als unsere Kids, den Holocaust überlebt haben. Und auch wenn das angesichts des Themas vielleicht seltsam klingt: es war ein fast magischer Tag.

HEIMATSUCHER e.V. ist das Zweitzeug*innenprojekt in der deutschen Erinnerungskultur und Bildungslandschaft. Sarah und ihr Team interviewen Überlebende der Schoah und bereiten ihre Geschichten auf verschiedene Weisen auf: in Magazinen, in Ausstellungen, vor allem bei Schulbesuchen. Uns überzeugt der inspirierende, stärkenorientierte Ansatz des Konzeptes, die Hoffnung, die die Geschichten der Überlebenden ausstrahlen – und nicht zuletzt, dass HEIMATSUCHER genau wie climb mit dem Sonderpreis der Bundeskanzlerin im Rahmen von startsocial ausgezeichnet wurde. Bei so viel Gemeinsamkeit war klar: wir müssen mal zusammen was auf die Beine stellen. Und so machten Sarah und Marina sich an einem grauen Samstag auf nach Hamburg, um mit unseren Stipendiatenkids über Mut, Freundschaft, Diskriminierung und die Bedeutung von Engagement zu diskutieren.

Mit dem climb-Stipendium begleiten wir seit 2014 zehn wissbegierige, motivierte Kids im Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule. In den letzten drei Jahren haben sie sich intensiv mit Themen wie Lern-, Präsentations- und Recherchetechniken und der Arbeitswelt auseinandergesetzt, ihre Stärken kennen und nutzen gelernt. Das letzte Stipendiatenjahr steht unter dem Thema »Weltverändern« – wir wollen die Kids ermutigen, sich auch jenseits des eigenen Bildungsweges für gesellschaftliche Veränderung einzusetzen. Und hier kommen die HEIMATSUCHER ins Spiel. Denn aus den Geschichten, die wir am Samstag von Sarah und Marina hören durften, spricht nicht nur Entsetzen über das, was Menschen sich antun können, sondern vor allem Hoffnung über das, was möglich ist, wenn Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Fasziniert lauschten unsere zehn sonst so zappeligen Quasselstrippen den Geschichten von Sarah, und durften dann selber Geschichten lesen und weitererzählen. »Eigentlich,« sagt Housseini nachdenklich, nachdem er die Geschichte von Tibi gelesen hat, der als 13-Jähriger in Bergen-Belsen als einziger seiner Familie überlebte und nach dem Krieg nach Israel auswanderte, »fand ich das gar nicht so traurig. Er hat es ja danach geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen und ein neues Zuhause zu finden. Ich finde das schön.« Und Nicole ergänzt, »Ich würde mir wirklich wünschen, er könnte mir von der Kraft, die er hat, eine Scheibe abgeben! Ich könnte das voll brauchen.«

Als wir gemeinsam die Gesetze durchgehen, die nach 1933 systematisch den Alltag der deutschen Juden bestimmten und ihnen nach und nach ihre Würde nahmen, merken die Kinder ganz deutlich: Diskriminierung fängt nicht erst bei Sternen am Mantel an. Nachdenkliche Stimmung, denn die Kinder haben nicht nur Empathie bewiesen und jede Menge dazugelernt. Sie haben auch – für uns Erwachsene überraschend selbstverständlich – Parallelen gezogen in die unordentliche Welt, in der sie heute aufwachsen. »Hitler ist an die Macht gekommen, weil die Leute ihn gewählt haben, er hat ihnen irgendwelche Sachen versprochen und ihnen Angst gemacht,« weiß Celina. »So wie Donald Trump,« wirft Patricia trocken ein. Den ganzen Tag schwingt nicht nur die Frage mit, was man selber gemacht hätte, sondern auch, wie wir alle heute für Vielfalt und Freiheit einstehen können, damit sich der Schrecken der Schoah nicht wiederholt. Eindrücklich erinnert Sarah uns an Siegmund Plutznik, dem auf seiner Flucht eine Toilettenfrau in Wien eine Rasierklinge geschenkt hat. Eine kleine Geste, die überlebenswichtig war, da man als unrasierter Mann direkt aufgefallen ist. Sie gibt uns mit, was er ihr erzählt hat: »Um jemandem in Not zu helfen, muss man keine Titel, keine Diplome haben. Man muss nur das Herz an der richtigen Stelle haben. Man kann jemandem helfen mit einer Kleinigkeit.«

Bei unseren Kids kommt das an. In der Abschlussrunde hören wir Sätze wie, »Ich werde in Zukunft auf jeden Fall wachsamer sein, was um mich herum passiert, und mich gegen den Krieg einsetzen.« Und entlassen die Kids so sehr optimistisch nach einem schwierigen Tag – weil sie uns mal wieder Mut gemacht haben.