Allgemein

Israel-Reise 2017

Von ganzem Herzen HEIMATSUCHER. Dieses Gefühl nehmen wir alle mit von dieser Reise mit 15 Ehrenamtlichen nach Israel.  Als ich (Wencke) vor weniger als einem Jahr die »Projektleitung Israelreise« übernahm, dachte ich noch, die Aufgabe ist für eine Neue wie mich viel zu wichtig. Ich wollte niemandem eine Aufgabe wegnehmen und war bei den ersten Orga-Hinweisen sehr vorsichtig. Diese Bedenken waren so unnötig!

Vom ersten Moment des Austausches mit Sarah über die Planungen zur Reise hatte ich das Gefühl schon immer dazu zu gehören und Teil eines ganz tollen Projektes zu sein. Nun fühle ich mich als Teil einer großartigen HEIMATSUCHER-Familie. Für mich war es sehr schön, der Gruppe das Land zu zeigen, das mir so viel bedeutet. Für Sarah war die Rückkehr an den Anfang unserer Arbeit, eine Bestätigung all dessen, was sie, was wir alle seitdem erreicht haben.

Damals sind Anna und Sarah zu zweit nach Israel gekommen. Sie hatten ein Konzept in der Hand und sind zum Infoschalter von Yad Vashem gegangen, um zu fragen, wer ihnen weiterhelfen könne. Schon damals war es wichtig, nicht alleine zu sein. Zum Beispiel, um Shoshanna anzurufen. Sie haben sich gegenseitig Mut gemacht, sich aufgemuntert und Gedanken gespiegelt. Sie haben aufeinander geachtet.

Es sind zwar nur 16 Ehrenamtliche nach Israel geflogen, aber eigentlich waren weit über 100 Menschen mit dabei. Wenn wir heute »wir« schreiben, dann beschreibt dieses Wort eine Gemeinschaft vieler vollkommen unterschiedlicher Menschen, die ein Ziel und ihr Engagement zusammen bringt. Und obwohl sich mittlerweile schon nicht mehr alle persönlich kennen, ist das Gefühl von Vertrautheit geblieben. Wir machen uns Mut, wir muntern uns auf, spiegeln Gedanken und vor allem achtet jede*r (auf) den*die andere*n.

1. Tag – „yom rishon“ (Sonntag)

(Anreise, Tel Aviv, Spaziergang am Meer)

Sonntagnacht, 4 Uhr am Check-in am Düsseldorfer Flughafen. Hier begann die Israelfahrt der HEIMATSUCHER, auf die wir uns so lange vorbereitet hatten. Für manche war der Check-in ein erstes Eintreten in diese wundervolle Gemeinschaft, andere wiederum fielen sich mit großer Wiedersehensfreude in die Arme. Die Freude wurde jedoch abrupt unterbrochen, als uns mitgeteilt wurde, dass der Flieger zwei Stunden Verspätung haben wird. So blieb jedoch genug Zeit, um mit Sekt Janikas Geburtstag nachzufeiern und sich im Halbschlaf auf den ungemütlichen Flughafensitzbänken die Last Call Aufrufe der anderen Fluggesellschaften anzuhören. Als wir letztendlich gegen Mittag in Tel Aviv landeten, war der Fahrer vom Shuttlebus zwar schon längst wieder verschwunden, dafür trafen wir aber auf unsere großartige Reiseleitung Wencke, die sich sehr fürsorglich um all unsere Interessen kümmerte: Wo bekomme ich Bargeld her? Wie ist der Umrechnungskurs? Wo gibt es Kaffee? Was machen wir heute noch? 

Auf Grund der vorangeschrittenen Zeit und weil man mit einer 16-köpfigen Reisegruppe immer etwas länger für alles braucht, beschlossen wir nach der Ankunft im Hostel einen gemütlichen Spaziergang zum Strand zu machen, fanden noch einen schönen Platz zum Abendessen und kühlten uns bei Sonnenuntergang im Meer ab.

2. Tag – „yom sheni“ (Montag)

(Zeitzeugenbesuche Frieda und Chava)

Frieda Kliger

Als wir (Marina, Anja, Janika und Sarah) mittags bei Frieda Kliger ankamen, wurden wir herzlichst  begrüßt.  Frieda hat uns mit unglaublicher Freundlichkeit empfangen! Sarah und Frieda freuten sich über ihr Wiedersehen, da Sarah Frieda damals – vor sieben Jahren – interviewt hatte und ihr den Weg für deutsche Kontakte geebnet hatte. Während wir die exakt  terminierte  israelische Pizza verspeisten (Frieda war sehr gastfreundlich)  war das Gespräch bereits in vollem Gange.

Frieda erzählte uns viel aus ihrem aktuellen Leben, von ihren Enkel*innen und Urenkel*innen, und auch davon, als sie zum ersten Mal auf Sarah und Anna traf. Und wir berichteten, wie groß HEIMATSUCHER seit 2011 geworden ist.

Berührenderweise ließ Frieda uns auch an ihren Gedanken zu philosophischen und religiösen Themen teilhaben und inspirierte uns dadurch sehr. Sie öffnete sich für Nachfragen und antwortete uns ehrlich und emotional. Sie erzählte uns von ihrer Zeit im KZ Bergen-Belsen  und wie sie einigen griechischen Frauen im Krankenhaus/Krankenblock von Dr. Mengele das Leben rettete. Diese traf sie später wieder, als Flüchtling auf einem griechischen Schiff. Und die, die sie gerettet hatte,  sorgten nun dafür, dass sie eine Extraration Essen bekam.

Ihre Freude uns zu sehen, konnten wir ebenso erwidern. Es war eine riesige Ehre und ein besonderer Tag, an dem wir drei anderen Frieda kennenlernen durften. Danke, Frieda, für deine Herzlichkeit und Offenheit! 

Chava Wolf

Als wir, Rebecca, Ute und Vanessa, durch die Tür von Chavas Haus traten, wartete sie schon im Treppenhaus auf uns, um uns zu begrüßen. Betritt man Chavas Wohnung, wird man sogleich von ihren bunten Bildern überwältigt, die überall in ihrer Wohnung hängen. Doch bevor wir uns die Bilder anschauen konnten, gab es erstmal selbstgekochtes Mittagessen und zum Nachtisch Melone. Normalerweise sind wir diejenigen, die die Fragen in einem Zeitzeugengespräch stellen – diesmal war es andersherum: Chava hat uns unzählige Fragen dazu gestellt, wer wir überhaupt sind, was wir beruflich machen und vor allem was aus HEIMATSUCHER geworden ist. Sie hat uns von ihren Töchtern und Enkeln erzählt und von ihrem Leben in Israel. Da wir noch immer schrecklich hungrig ausgesehn haben müssen, gab es noch Kaffee und Geburtstagskuchen, den der Rabbi am Freitag zuvor vorbeigebracht hatte, um mit Chava ihren 85. Geburtstag zu feiern.

Für mich, Vanessa, war dieser Nachmittag eine ganz besondere Begegnung: Endlich konnte ich Chava kennenlernen, deren Lebensgeschichte ich seit mehr als zwei Jahren mit in Schulen nehme. Ich habe ihr von den Schülern erzählt und davon, wie viele Fragen sie immer stellen, wenn ich ihre Geschichte erzähle.  Chava hat uns erzählt, dass sie sich unglaublich über die Briefe der Schüler*innen aus Deutschland freut – sie bewahrt alle Briefe in einem Ordner auf – und hat uns eine ganz besondere Botschaft an die Schüler*innen mitgegeben, da sie ihnen so gerne eine Antwort schicken wollte. Wir haben uns so gefühlt, als würden wir eine Freundin besuchen und nicht jemanden, den wir gerade das erste mal getroffen haben. Chava ist eine Frau voll von Wärme, Herzlichkeit und Offenheit.

3. Tag – „yom shlishi“ (Dienstag)

(See Genezareth & Golanhöhen)

Ganz nach dem Motto »Der frühe Vogel fährt mit kühlem Kopf« starteten wir am Dienstag unsere Tour zum See Genezareth und zu den Golanhöhen mit Ziel Nazareth. Noch am Frühstückstisch trafen wir unseren Guide Uriel Kashi. Er sollte uns die nächsten drei Tage durch Israel begleiten. Wie wichtig es ist, einen Ortskundigen an unserer Seite zu wissen, wurde bereits bei der ersten Challenge des Tages deutlich. Denn zunächst mussten wir uns in unseren leicht lädierten Mietwagen durch den Stadtverkehr Tel Avivs kämpfen. Auch dank unserer hervorragenden Fahrer*innen war das aber einfacher als zunächst befürchtet. Und so düsten wir bald den Highway in den Norden des Landes hinauf.

Erste Station: Kirche der Seligpreisungen. Hier bot sich ein fantastischer Blick auf den See Genezareth. An dessen hügeligen Ufern befindet sich ein Großteil jener Orte, von denen uns das Neue Testament erzählt. Jesus hielt hier seine Bergpredigt. Unweit davon – die zweite Station – fand die Fisch- und Brotvermehrung bei der Speisung der Fünftausend statt. Aufwendige Mosaike berichten in der Brotvermehrungskirche von der wundersamen Geschichte. Verwaltet wird der Ort von einem Benediktinerkloster. Uriel erzählte uns zudem von einem Projekt der Mönche, das Kinder aus Israel und Palästina, die eine Behinderung haben, an diesen Ort einlädt. Im letzten Jahr ist der Innenhof von einem Brandanschlag durch jüdische Extremisten zerstört worden, kurz vor unserem Besuch erst wurden die letzten Brandspuren beseitigt.

Weil wir schließlich an den Original-Schauplätzen der neutestamentarischen Wunder wandelten, versuchte sich Marina unten am Ufer angekommen gleich an einem Reenactment. Doch der Gang über das Wasser des Sees war nur mäßig erfolgreich. Stattdessen war immerhin ein Bad drin, das allerdings bei diesen Temperaturen auch nur halbwegs erfrischte. Unser Weg führte uns weiter in das Gebiet der Golanhöhen, das im Sechstagekrieg 1967 von Israel annektiert wurde. Beeindruckend ist nicht nur der Blick auf den Südwesten Syriens, sondern auch die Geschichte dieses Ortes. Die verworrenen territorialen Konflikte zwischen all den verschiedenen Gruppen lassen sich in dieser Region noch einmal unter dem Brennglas betrachten. Mit Blick auf eines der tragischsten Bürgerkriegsländer der Gegenwart ein Sandwich zu essen, ist jedenfalls auch eine befremdliche Erfahrung, soviel können wir sagen.

Der Tag bot also einen Querschnitt durch unser Reiseprogramm: religiöse Stätten, jüngere Zeitgeschichte und aktuelle politische Konflikte liegen hier direkt nebeneinander. Entsprechend beeindruckt machten wir uns auf den Weg in unser Quartier in Nazareth. Bei dramatischem Licht erreichten wir die arabisch geprägte Stadt, die südwestlich des Sees gelegen ist und ein komplettes Kontrastprogramm zur Metropole Tel Aviv bietet. Unser Hostel lag mitten in den engen Gassen der Altstadt, mit einem wunderschönen Hinterhof. Hier versammelten wir uns anschließend, um die Eindrücke des Tages sacken zu lassen und unser erstes (selbst zubereitetes) israelisches Dinner zu verspeisen.

4. Tag – »yom revi‘i« (Mittwoch)

(Nazareth, Verkündigungskirche, Josefskirche, Gan HaShlosha, Totes Meer, Reise nach Jerusalem)

Am Mittwoch wachten wir – in aller Früh, denn ein straffes Tagesprogramm lag vor uns – in dem wunderschönen alten Hostel in Nazareth auf, in dem die hohen Decken teilweise mit Stuck und Malereien verziert waren und von dem aus wir schon am Abend zuvor dem Ruf des Muezzins gelauscht hatten. Das im Norden Israels gelegene Nazareth beherbergt die größte Gemeinschaft arabischer Israelis im Land. Davon sind heute in Nazareth etwa ein Drittel christlich und zwei Drittel muslimisch. Die relativ kleine Stadt ist vor allem als Heimatort Jesu bekannt und zieht jedes Jahr sowohl gläubige Pilger als auch interessierte Touristen aus aller Welt an. Im Judentum hat das damals unbedeutende Dorf Nazareth keine besondere Bedeutung und wird auch in keiner der alten Schriften erwähnt.

Morgens ging es dann auch gleich schon los, um uns im Schlepptau unseres tollen Guides Uriel Kashi die Hauptsehenswürdigkeit Nazareths, die Verkündigungskirche, anzuschauen. Da wir ihn am Vortag danach gefragt hatten, gab er uns im Schatten der Arkaden im Kirchenvorhof erstmal noch einen kleinen Exkurs über die Situation der arabischen Israelis im Land.

Die heutige arabische Minderheit macht in etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung aus. Nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 und der Vertreibung beziehungsweise Flucht der meisten Araber*innen aus Israel entschieden sich dennoch einige im Land zu bleiben. Diese von da an arabischen Israelis standen bis 1967 unter Militärverwaltung und wurden erst 1966 den jüdischen Israelis rechtlich gleichgestellt. Zunächst entfremdeten sie sich zunehmend von ihren palästinensischen Landsleuten und identifizierten sich auch immer mehr mit Israel. Sozial und wirtschaftlich wurden und werden Israels Araber*innen jedoch weiterhin ausgegrenzt.

Dass 1999 Ehud Barak, der von der arabischen Minderheit mit überwältigenden 94% ins israelische Parlament gewählt worden war, eine Mehrparteien-Koalition bildete und dabei die arabischen Parteien ausschloss, war beispielsweise ein weiterer Schlag ins Gesicht für die arabischen Israelis. All das führte dazu, dass arabische Israelis mehr und mehr mit den Palästinenser*innen sympathisieren, sich weniger als Israelis identifizieren und sich teilweise auch an den Intifadas beteiligen. Sie sitzen quasi zwischen allen Stühlen. Während sie von der einen Seite als Verräter betrachtet werden, sind sie für die andere Seite potentielle Feinde. Israel bietet ihnen zwar Sicherheit, was sie auch zu schätzen wissen, nichtsdestotrotz stellen sie im Land aber eine diskriminierte Minderheit dar. Die aktuelle relativ nationalistisch-jüdisch orientierte Regierung unter Netanjahu trägt nicht zur Besserung dieser Problematik bei.

Doch zurück zur Verkündigungskirche. Diese wurde dort errichtet, wo der Überlieferung nach der Erzengel Gabriel Maria die Empfängnis Jesu verkündete. Die heutige zweistöckige Kirche, die eine der größten in Israel ist, wurde 1969 gebaut und beinhaltet in ihrem Inneren die sogenannte Mariengrotte, wo Maria gelebt haben soll. Sie ist schon die fünfte Kirche, die an diesem Ort gebaut wurde – die erste wahrscheinlich schon zu Zeiten der Römer im vierten Jahrhundert.

In der Erzählung der Verkündigung wird Maria als gehorsam dargestellt. Sie fügt sich in ihre Rolle. Dies steht im Gegensatz zu Adam und Eva in der Schöpfungsgeschichte, deren Ungehorsam ihnen zum Verhängnis wird.  Das Ergebnis Marias Gehorsams steht in großen Lettern an der Fassade der Kirche geschrieben »Hic verbum caro factum est et habitavit in nobis«»Hier ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«. In und um die Kirche findet man mehrmals das sogenannte Jerusalemkreuz. Dieses Kreuz hat vier gleich lange Arme und in jedem Quadranten nochmals ein weiteres Kreuz.  Die fünf Kreuze stehen für Jesus und die vier Evangelisten oder für die fünf Wundmale Jesu. Den Vorhof der Kirche säumen Arkaden mit Mariendarstellungen aus aller Welt. Das Wandbild aus Deutschland beispielsweise zeigt Maria mit zwei Kindern, die durch eine Mauer voneinander getrennt werden. Maria fungiert in dieser Darstellung symbolisch als verbindendes Element zwischen Ost und West.

Neben der Verkündigungskirche befindet sich, deutlich kleiner, noch die Josefskirche, die 1914 errichtet wurde und auch auf einer Höhle gebaut wurde. An diesem Ort soll Josef, der (Zieh-) Vater Jesu, gelebt und als Zimmermann gearbeitet haben. Als einer der wenigen Orte befinden sich hier auch Darstellungen Jesu als Jugendlicher. Im Kellergewölbe der Josefskirche befindet sich außerdem ein jüdisches Tauchbad. Diese finden sich öfters in älteren Kirchen in diesem Teil der Erde, da das Christentum erst nur eine Strömung innerhalb des Judentums darstellte und somit von den christlichen Gläubigen zunächst auch noch die jüdischen Rituale praktiziert und die jeweiligen Gebote eingehalten wurden. Diese sogenannten Judenchristen unterschieden sich somit von den Heidenchristen, die den Großteil der jüdischen Traditionen ablegten. Judenchristen gab es in Nazareth noch bis ins dritte Jahrhundert hinein.

Nachdem wir so viel Interessantes gelernt hatten, rauchten unsere Köpfe und es war Zeit für eine kleine Abkühlung. Dafür ging es ins Badeparadies Gan HaShlosha. Laut Uriel badeten in dem heutigen israelischen Nationalpark einst schon die Römer, was angesichts der Schönheit dieser Oase nicht überrascht. Die Teiche mit tiefblauem Thermalwasser aus natürlichen Quellen werden von Palmen gesäumt und haben das ganze Jahr über eine konstante Wassertemperatur von 28 Grad. Außer uns waren noch sehr viele israelische Familien dort, die im Schatten der Bäume auf den umliegenden Wiesen grillten und im Wasser badeten – sowohl in Burkinis verhüllte muslimische Israelinnen als auch nicht-verhüllte vermutlich säkular-jüdisch oder -christliche. Auch wir planschten im kühlen Nass, ließen uns vom Wasserfall beregnen und von teilweise sehr neugierigen Fischen anknabbern. Unsere anschließende Fahrt zum Toten Meer führte uns bei 45 Grad Außentemperatur durchs Westjordanland. Zwar waren unsere Mietwagen glücklicherweise mit Klimaanlagen ausgestattet, die Eispause auf halber Strecke wurde trotzdem mit Begeisterung begrüßt.

Kaum war unsere Badekleidung getrocknet, ging es schon wieder ins Wasser und zwar diesmal in ein sehr salziges. Der Salzgehalt im Toten Meer beträgt sage und schreibe bis zu 33%, wodurch das Wasser eine sehr hohe Dichte hat. Wir fühlten uns somit wie Korken im Wasser und schöpften im Anschluss aus dem Vollen und gönnten uns Schlammpackungen aus frischem Mineralschlamm. Mit babyweicher Haut ging es schließlich weiter zur letzten Station unserer Reise: Jerusalem.

Dort angekommen stürzten wir uns nach einem kurzem Zwischenstopp im Hostel gleich ins Getümmel auf dem nahegelegenen Mahane Yehuda Markt. Der orientalisch anmutende laute, lebhafte Markt ist der größte seiner Art in Israel. Dort füllten wir unsere Mägen mit regionalen Köstlichkeiten, um dann nach diesem anstrengenden und schönen Tag müde aber glücklich ins Bett zu fallen.

5. Tag – »yom chamishi« (Donnerstag)

(Yad Vashem, Altstadt, Besuch von Martin Auerbach)

Beeindruckend und bewegend ist der Besuch von Yad Vashem am Donnerstag. Uriel führt uns mit Feingefühl und Sachverstand durch die Ausstellung, die im 2005 neu eröffneten Museum bereits baulich besonders hervorsticht. Wie ein Keil bohrt sich das Gebäude in den »Berg der Erinnerung«. Wir werden hineingezogen in eine Geschichte der Shoah, die aus vielen, vielen Einzelschicksalen und Biographien besteht. Immer enger wird der Weg des Nationalsozialismus, ein Entkommen scheint unmöglich.

Die Ausstellung endet mit der »Halle der Namen«, in der Gedenkblätter und Fotos an die vielen ermordeten Juden erinnern. Menschen, für die es keinen Grabstein gibt, die scheinbar keine Spuren hinterlassen haben, soll auf diese Weise ein bleibendes Denkmal errichtet werden. Wie schön, dass sich nach der Enge der Ausstellung für uns der Blick doch wieder weitet! Nach vielen schrecklichen Bildern dürfen wir schließlich vom Berg aus auf Jerusalem schauen. Es ist nicht gelungen, alles zu vernichten. Jüdisches Leben existiert weiterhin und hat hier in Israel einen Ort gefunden.

Direkt im Anschluss besuchen wir die Gedenkstätte für die in der Shoah ermordeten Kinder. Die Konfrontation mit diesen nicht zu zählenden abgebrochenen Biographien lässt bei vielen von uns Tränen fließen. Wir weinen um diese Kinder und ihre Familien, aber auch um unsere Zeitzeugen, die in ihrer Kindheit so vieles für immer verloren haben.

Szenenwechsel, sowohl äußerlich als auch im Kopf. Uriel führt uns durch die Altstadt und schafft es auf beeindruckende Weise, sowohl denen, die zum ersten Mal hier sind, als auch den »alten Häsinnen« neue Einblicke in diesen Schmelztiegel der Kulturen zu vermitteln. Wir lassen uns irritieren von den Interessen und Bedürfnissen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. »Ist das ein heiliger Ort?« – für uns nur die Frage nach angemessener Kleidung. Für die Menschen, die hier leben, ist es Ausdruck des Ringens miteinander, das ihren Alltag und das ganze Leben hier bestimmt.

Am Abend besucht uns Martin Auerbach zu einem chaotisch-kreativen selbstgekochten Abendessen. Er berichtet uns von seiner Arbeit bei AMCHA Israel, einer Organisation, die seit den 1980er Jahren in Israel psychosoziale Hilfe für Überlebende der Shoah und ihre Familien bietet. Wir bekommen einen guten Überblick über diese so wichtige Tätigkeit und einige wertvolle Tipps dazu, was aus psychotherapeutischer Sicht für das Gespräch mit Überlebenden wichtig ist. Zentral ist es vor allem, so Martin, ihnen zuzuhören und ihre Geschichte wahr und ernst zu nehmen. Es scheint, als würden wir schon einiges richtig machen, und doch gibt es noch viel zu lernen. Danke, lieber Martin, für diesen konzentrierten und wertvollen Einblick!

6. Tag – »yom shishi« (Freitag)

(Zeitzeug*innen-Besuche bei Shoshanna, Elisheva, Channouch und Hannah)

Shoshana Maze

Am Freitagvormittag fuhren wir, Marina, Rebecca, Janika und Vanessa, mit der Jerusalemer Straßenbahn zu Shoshana. Nach einigem Suchen haben wir ihr kleines Haus gefunden. Shoshana wohnt, wie sie selbst sagt, in einem Dorf innerhalb der Stadt. Als wir an ihrem Haus angekommen sind, rief hinter uns jemand  »Shalom, Shalom!«. Shoshana war gerade auf einen Schwatz und einen Kaffee bei ihrer Nachbarin und Freundin bei der sie auch zum Shabbatmahl eingeladen war. Bei Shoshana gab es für uns erst einmal Kaffee und warme Zimtschnecke.

Während wir unschuldig und nichtsahnend an ihrem Küchentisch saßen, begann Shoshana mit ihrem Verhör: Wie heißt ihr? Wie alt seid ihr? Was studiert ihr? Seid ihr verheiratet? Habt ihr einen Freund? Warum habt ihr keinen Freund? Wie geht es Anna und Sarah? Was ist aus HEIMATSUCHER geworden? Mit Shoshana konnten wir uns im wahrsten Sinne über Gott und die Welt unterhalten. Sie wusste über alles etwas zu sagen. Schon gleich zu Beginn bekam Janika ihr Fett weg: Wir hatten Shoshana eine Karte mitgebracht, die Janika geschrieben hatte. Janika entschuldigte sich für ihre schlechte Handschrift, worauf Shoshana ihr entgegnete: »Solange du ein hübsches Gesicht hast, brauchst du keine schöne Handschrift. Wenn du nicht hübsch bist und eine schlechte Handschrift hast….tja, dann hast du ein Problem.« So kamen wir im Laufe des nachmittags immer wieder in den Genuss von Shoshanas herrlich beißenden Humor.

Als wir uns von Shoshana verabschiedeten wurden wir mit Küssen und Umarmungen überhäuft und für uns alle war klar: Dies ist kein Abschied, sondern nur eine kurze Trennung. Shoshana verabschiedete uns mit den Worten »Shalom, my friends!« So sind innerhalb von vier Stunden aus Fremden Vertraute geworden.

Channouch Mandelbaum

Wir (Lea, Lena und Manfred) sind mit dem Bus zum Altenheim, in dem Herr Mandelbaum lebt, gefahren. Da noch nicht klar war, ob Herr Mandelbaum wegen seines angegriffenen Gesundheitszustands überhaupt Besuch empfangen kann, fragten wir am Empfang nach seinem momentanen Zustand. Glücklicherweise ging es ihm gut genug und er war für einen Besuch bereit.

Im Pflegebereich konnten wir ihn begrüßen, die Karte und unser kleines Geschenk überreichen. Er ließ uns wissen, dass er von der Vergangenheit nicht gerne reden wolle. Kurz darauf kam ein Pfleger, der ihm den Gebetsmantel umhängte,  die Gebetsriemen anlegte und das Gebetsbuch vor ihn stellte. Er begann zu lesen, zu beten und hat nicht nur den Text ins Deutsche übersetzt, sondern hat auch noch seine eigenen Gedanken eingefügt. Nach dem Gebet sprachen wir noch über seine Kinder und dass er als Schreiner an dem Tisch mitgearbeitet hat, an dem Israels Unabhängigkeit verkündet wurde. Da er schließlich sehr erschöpft war, verabschiedeten wir uns und er bat uns, doch wiederzukommen.

Elisheva Lehman

Wir (Anja, Ute und Steven) standen kurz vor Elishevas mit Kinderbriefen geschmückten Tür zu ihrem Zweizimmerappartement in einem Seniorenstift in Jerusalem.  Uns klopfte das Herz vor Aufregung bis zum Hals. Nachdem wir schon so viel über Elisheva Lehman gelesen und gesehen hatten, wollten wir es nun endlich wissen und sie einmal persönlich kennenlernen. Sie wurde uns als quietschfidele Kugel angekündigt – und das war sie auch. Nur weniger kugelig, da sie seit unserem letzten Besuch aufgrund eines Herzinfarktes einiges an Kilos abgespeckt hat.

Sie begrüßte uns herzlich und interessierte sich sehr für die Arbeit des Vereins, für die Schulbesuche und Ausstellungen sowie für die Entwicklung des Vereins seit unserem gemeinsamen Interview im Jahre 2011. Wir hatten, neben veganen Gummibärchen aus der Heimat und einer Karte mit gepressten Blumen, ein frisch gedrucktes, ihr gewidmetes  Interviewheft als Gastgeschenk dabei, worüber sie sich sichtlich freute. Sie erzählte im Zuge dessen noch einmal von ihrer Flucht und dem vierjährigen Verstecken im Haus der Familie Koistra. Auf ihrer Fensterbank waren dutzende Bilder ihrer Liebsten aufgereiht, zu denen sie uns detailliert alles beantwortete. Man merkte richtig, wie stolz und zufrieden sie mit ihrem Leben ist, und dass sie ein erfülltes Leben hatte – trotz aller Umstände in ihrer Jugend während der Naziherrschaft.

Und so verflogen drei Stunden wie im Flug. Da die andere Gruppe, die Herrn Mandelbaum besucht hatte, schon früher zurück war, haben wir Elisheva gefragt, ob sie sie zusätzlich besuchen dürfen. Da sie oft von ihren ehemaligen Schulklassen Besuch bekommt, war dies für sie keine seltene Angelegenheit – ganz im Gegenteil: Wir hatten das Gefühl, dass sie gerne Rummel um sich herum hat. Zu guter Letzt war es ihr ein Anliegen, eine persönliche Videobotschaft an alle Schüler*innen mit uns aufzunehmen, die dann in Schulklassen gezeigt werden könnte. Wir sind gespannt, wie dieses Video bei den Schüler*innen ankommt. 🙂 

Hannah Pick-Goslar

Um kurz vor 10 Uhr morgens standen Wencke, Wiebke, Malte und Ruth vor der Tür von Hannah Pick-Goslar. Dachten wir zumindest. Da wir kein Klingelschild finden konnten, riefen wir sie kurzerhand an, um zu erfahren, dass sie seit unserem letzten Besuch in eine Wohnung eine Straße weiter umgezogen war. Also liefen wir schnell die paar Meter zu ihrer neuen Wohnung, wo wir auch schon freudig erwartet wurden. Versorgt mit kaltem Orangensaft und Keksen saßen wir gute drei Stunden zusammen, unterhielten uns über die Entwicklung des HEIMATSUCHER e.V. und vor allem natürlich über das Leben von Frau Pick-Goslar.

Sie erzählte uns auch, wie viele Menschen sie im Laufe ihres Lebens durch ihre alte Schulfreundin Anne Frank kennengelernt hat. Denn noch heute suchen Leute sie auf, um ihr Fragen zu Anne Frank zu stellen. Stören tut sie das nicht. Hauptsache die Menschen setzen sich auch heute noch mit der Shoah auseinander, und wenn das Tagebuch der Anne Frank und ihre eigenen persönlichen Berichte dazu beitragen, dann beantwortet Frau Pick-Goslar weiter gerne alle Fragen.

Während des Gesprächs fiel uns aber auch auf, wie sehr sie im Hier und Jetzt lebt. Umgeben von ihren Kindern, Enkel*innen und Urenkel*innen hält sie sich per WhatsApp, iPad und deutschen Nachrichten auf dem Laufenden, ist immer noch interessiert an der deutschen und auch der österreichischen Politik. Im Laufe des Vormittags kam auch noch eine ihrer Töchter vorbei, die uns ebenfalls kennenlernen wollte. Nach einem regen Austausch über Erinnerungskultur, Politik und Geschichte durfte zum Abschluss ein Gruppenfoto nicht fehlen.

7. Tag – »yom shabbat« (Samstag)

(Israel Museum)

An unserem letzten Tag in Israel wurde es nochmal richtig spannend. Da Shabbat war, durften wir bei der typisch israelischen Hitze zum Israel-Museum laufen. Vorbei an geschlossenen Läden, über rote Ampeln, durch leere Parks und am Knesset vorbei. Vor Ort lernten wir Yael kennen. Sie ist Kunstlehrerin und arbeitet zusätzlich im Museum in einem Kunstprojekt, das Kinder aus Ost- und West-Jerusalem durch gemeinsames Schaffen zusammenbringt. Es war sehr inspirierend zu sehen und zu hören, wie diese motivierte Gruppe von »bridging the gap« im Kleinen versucht, palästinensische und israelische Kinder anzunähern. Danach durften wir uns im restlichen – riesigen – Museum umschauen: Von einer Ausstellung von Ai Weiwei über ganze Synagogen und uralte Thora-Rollen (die Qumran-Schriftrollen) bis hin zu einem Modell von Jerusalem kurz vor der Zerstörung des zweiten Tempels.

Der Museums-Souvenir-Shop hielt uns ebenfalls nochmal eine Stunde lang auf, da viele in Panik-Mitbringsel-Einkäufe am letzten Tag verfielen. Nachdem wir ein offenes Restaurant zum Mittagessen gefunden hatten, gingen manche ins Hostel zurück und andere wollten den letzten Nachmittag für eine letzte Runde durch die Altstadt Jerusalems nutzen, schlenderten durch die verschiedenen Viertel und kauften letzte Geschenke für zu Hause. Abends gingen wir alle zusammen ein letztes Mal essen. Unser Abschiedsessen. Es kam so schnell und doch haben wir so viel zusammen erlebt. Die Stimmung war sehr schön und das Essen sehr köstlich – wie immer in Israel!

8. Tag – »yom rishon« (Sonntag)

(Rückreise)

Oh je, jetzt hieß es tatsächlich Abschied nehmen. Nach dem letzten »Israel-typischen« Frühstück im Abraham Hostel in Jerusalem – mit Salat, Hummus, gekochten Eiern, »Fake-Nutella«, Quark, Wassermelonen und unterschiedlich gefärbtem Toast – erwartete uns der »High-Tech Bus«, der uns zurück zum Flughafen brachte. Lena war schon im Morgengrauen abgereist (mit Fiji-Air – übrigens eine Fluglinie ohne Verspätung).  

Im Bus wurden die »Lümmel von der letzten Bank« (Wenke, Steven, Ute und Manfred) so richtig durchgeschüttelt. Bei jeder Bodenwelle war ein Bandscheibenvorfall oder eine Wirbelprellung  wahrscheinlich. Pünktlich erreichten wir den Flughafen – Manfreds kritischer Blick  erkannte das Problem des Busses: ca. 1 cm Bodenfreiheit. Der Bus  war wohl ein wenig desolat.

Hier hieß es Abschied nehmen – von Lea , Ute, Manfred und Wencke – die andere Flüge gebucht hatten. Im Flughafen durften wir die sehr guten Sicherheitsvorkehrungen kennenlernen. Zunächst wurde Steven aus der Gruppe ausgewählt, um Fragen zu unserer Reise zu beantworten. Im fliegenden Wechsel musste Ruth anschließend Frage und Antwort stehen. Die »Battle« um die Sicherheits-Einstufung begann. In Israel gibt es verschiedene Codes von 1 bis 6 zur Gefährlichkeit von Reisenden. Je höher desto potenziell gefährlicher sind die jeweiligen Reisenden. Lena und Lea, beides alleinreisende Frauen, wurden mit einer 5 bewertet, während die Gruppe mit einer 2 bewertet wurde. 😉

Da wir nicht mit Fiji-Air geflogen sind, sondern mit Germania, hatten wir direkt eine Stunde Verspätung. So hatten wir viel Zeit, den Flughafen kennenzulernen und an der ein oder anderen Stelle hart gekochtes Ei aus der Technik zu entfernen. Steven hat während des Fluges unseren HEIMATSUCHER Film »Israel« zusammengeschnitten, so dass wir nach Landung und Heimkehr direkt wieder abtauchen konnten.  Israel – die HEIMATSUCHER kommen wieder! Danke für die bewegende Zeit dort – und es war »amazing«