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(M)eine Woche in Auschwitz

Gemeinsam mit dem LAKUM, katholisches Hochschulzentrum Krefeld, und Studierenden der Hochschule Niederrhein haben Sarah und ich, Ruth, uns auf den Weg nach Oświęcim gemacht, um dort knapp eine Woche im Zentrum für Dialog und Gebet zu verbringen, die Gedenkstätte Auschwitz zu besuchen und uns mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Tag 1: Hinfahrt und Erwartungen

Nach 13 Stunden Fahrt kommen wir endlich im Zentrum für Dialog und Gebet an. Die Piroggen, die uns zum Abendessen aufgetischt werden, schmecken uns unglaublich gut. Anschließend treffen wir uns noch kurz, um den nächsten Tag zu besprechen und unsere Erwartungen und Ängste an den bevorstehenden Besuch des Stammlagers auzutauschen und zu besprechen.

»Ich bin gespannt, wie ich reagiere.
…zu müde, um Informationen aufzunehmen. Nervös.
Ungewissheit, keine Erwartungen.
Wird es mich berühren?
Angst vor der Ungewissheit.«

 

Tag 2: Sprachlosigkeit und Enge

Wie in Worte fassen, was sich in Auschwitz abgespielt hat? Die Dimensionen sind unvorstellbar. 1.300.000 wurden insgesamt nach Auschwitz deportiert. 1.100.000 Jüd*innen. 140.000-150.000 Pol*innen. 23.000 Sinti und Roma. 15.000 Sowjetische Kriegsgefangene. 25.000 Gefangene anderer ethnischer Gruppen. Die Zahlen erschlagen einen förmlich. Und doch kann ich dem Unvorstellbaren zunächst relativ abgeklärt begegnen. Wir sehen uns die verschiedenen Ausstellungen in den ehemaligen Baracken des Stammlagers an, die Vitrinen voll mit Haaren, Schuhen, Koffern. Sie geben den Opfern des Holocaust einen Hauch von Individualität. Wem gehörte das Paar roter Schuhe mit Keilabsatz? Wer war die Person dahinter? Welche Wünsche, Hoffnungen, welche Ängste hatte sie? Fragen, die für immer unbeantwortet bleiben. Gleichzeitig habe ich immer noch das Gefühl einer Masse gegenüberzustehen.

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Weiter geht’s. Vorbei an leeren Zyklon B-Behältern. Rein in Block 11, den sogenannten Todesblock. Runter zu den Dunkelzellen, den Stehzellen, raus auf den Innenhof zur Schwarzen Wand, wo die Erschießungen stattfanden. Nach der Enge und der Beklemmung in Block 11 atme ich kurz auf, als ich den Innenhof betrete.

 

 

Ich brauche eine emotionale Verschnaufpause, konzentriere mich auf den kleinen Zweig, der aus dem Gemäuer gleich über der Schwarzen Wand sprießt. Auch wenn es fast unfassbar scheint, es gibt ein Leben nach Auschwitz. Es geht irgendwie weiter. Um uns eine Gruppe israelischer Jugendlicher. Mir kommt der Gedanke, dass sie der lebendige Beweis sind, dass Hitler und die Nationalsozialist*innen ihren Plan – zum Glück – nicht vollständig umsetzen konnten. Sie haben die Jüd*innen nicht komplett ausgelöscht. Gleichzeitig fühlt es sich seltsam an, als Deutsche neben ihnen zu stehen an diesem Ort, der zum Symbol für die Massenvernichtung jüdischer Menschen geworden ist.

Dann betreten wir die israelische Ausstellung. Im Erdgeschoss laufen private Foto- und Filmaufnahmen jüdischer Familien, Vereine und Gemeinden aus der Zeit vor dem Holocaust in Endlosschleife. Lange stehe ich da, lasse die Tränen laufen. Denn mir wird bewusst, dass die Menschen, die in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern ermordet wurden, ganz »normale« Menschen waren, die gefeiert, getanzt, gelacht haben. Menschen, die einfach nur leben wollten. Menschen, deren Kultur bis 1933 durchaus Anteil an der deutschen Kultur hatte (auch wenn Antisemitismus weit verbreitet war) und die heute so nicht mehr präsent ist. Ausgelöscht größtenteils… Im ersten Stock befinden sich Zeichnungen von Kindern in chronologischer Reihenfolge. Zunächst unterscheiden sich diese kaum von Kinderzeichnungen heutzutage. Häuser, Vögel, Familien… Doch dann werden die Menschen in den Zeichnungen immer weniger. Und wenn Menschen auftauchen, dann nur in Verbindung mit dem Tod. Soldaten, die auf Einzelpersonen oder Gruppen schießen, brennende Häuser, Menschen, die am Galgen hängen, bei einem wird gerade noch der Schemel weggetreten. Kinder sollten solche Bilder nicht malen!, denke ich. Damals nicht und heute nicht! Dennoch weiß ich, dass es auch heute traumatisierte Kinder gibt, die wahrscheinlich ähnliche Bilder zeichnen würden. Sie sitzen nicht in einem Konzentrationslager, aber die Kriege weltweit zerstören ihre Kindheit.

Dann sehe ich ein Bild mit einem Herz und ein paar Blumen, das wohl ein kleines Mädchen gemalt hat. In dem Herz steht »Ruth«, mein Name.

Ich denke, an all die Muttertags-, Vatertags- und Geburtstagskarten, die ich in ähnlicher Weise gemalt habe. Auf einmal ist der Holocaust irgendwie ganz nah, seine Dimensionen werden für mich irgendwie greifbar. Hier sind nicht einfach anonyme Massen umgebracht worden, sondern Menschen mit ganz individuellen Biografien. Keine Nummern, sondern Individuen. Auschwitz erwischt jeden ganz unterschiedlich, unberührt lässt der Ort wohl keinen. Mich überwältigt er hier, bei einem kleinen Herz von Kinderhand gezeichnet.

Anschließend schauen wir uns noch den Bereich der Kommandantur an und auch den Galgen, an dem Rudolf Höß, von Mai 1940 bis November 1943 Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, erhängt wurde. Nach 4 Stunden ist unsere Führung durch das ehemalige Stammlager vorbei. Langsam gehen wir zurück zum Zentrum für Dialog und Gebet. Jeder versucht auf eigene Art und Weise mit dem gerade Erlebten umzugehen. Nach dem Mittagessen und einer kleinen Pause versammeln wir uns wieder in unserem Gruppenraum. Jede*r hat die Chance seine Gedanken mit dem Rest der Gruppe zu teilen. Die Gemeinschaft innerhalb der Gruppe zu spüren tut gut. Bereits am Vormittag war es eine schöne Erfahrung zu sehen und zu erleben, wie auf die Emotionen der anderen Gruppenmitglieder eingegangen wurde. Manchmal sagt eine Umarmung mehr als 1.000 Worte.

 

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Tag 3: Weite und Gespräche

Birkenau. Unglaubliche Weite. Steinbaracken. Holzbaracken. Einzelne Schornsteine, wo die Baracken bereits zerfallen sind. Das Gras ist grün. Die Blumen blühen. Die Sonne scheint. Jede*r von uns hat bereits vorher Bilder im Kopf – aus Filmen, Büchern… Die Rampen, das Tor. Alles ist irgendwie einerseits bekannt und trotzdem werden einem hier die Ausmaße erst richtig bewusst. Trotzdem bleibt alles unbegreifbar, unfassbar. Mir schwirren so viele Gedanken durch den Kopf, die ich nicht richtig greifen kann. Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Mir fehlen die Worte, um meine Gefühle und Gedanken auszudrücken.

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Am Nachmittag treffen wir uns mit Herrn Dlugoborski, einem ehemaligen polnischen politischen Häftling. Er war im Widerstand, wurde verhaftet, kam erst ins Pawiak in Warschau, dann nach Auschwitz-Birkenau. Das Gespräch beeindruckt uns.

Abends begegnen wir in der Lounge zufällig einem weiteren Überlebenden, Herrn Dr. Leon Weintraub. Er hat Birkenau als jüdischer Häftling überlebt. Spontan gesellt er sich beim Abendessen zu uns und nimmt an unserem abendlichen Treffen teil. Er erzählt uns seine Geschichte, spricht mit uns und bleibt auch für unsere allabendliche Abschlussrunde, die heute unglaublich emotional und bewegt ist. Am Ende stehen wir alle gemeinsam im Kreis – Zeit für eine Gruppenumarmung.

Zitate Weintraub

Zitate aus dem Gespräch mit Dr. Leon Weintraub

Tag 4: Liebe statt Hass

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Jeden Morgen haben wir die Möglichkeit an einer kleinen Inspiration, geleitet von Matthias Hakes (LAKUM), teilzunehmen. Heute stand Herrn Weintraubs Aussage, er dulde die Wörter »Hass« und »Rache« nicht, im Fokus. Besonders berührt hat mich ein Segen, den Matthias vorlas:

»…Möge Gott dich mit Leidenschaft segnen gegenüber Ungerechtigkeiten, Unterdrückung und Ausbeutung vor Menschen, damit du nach Gerechtigkeit und Frieden strebst…«

 

 

Dieser Segen fasst ziemlich gut zusammen, was ich aus den letzten Tagen mitnehme, wofür ich mich einsetzen möchte – aber auch was mich motiviert hat, mich bei HEIMATSUCHER zu engagieren und letztendlich auch an dieser Fahrt teilzunehmen.

Nach dem Frühstück ging es heute in den Ort Oświęcim. Dort hatten wir eine Führung zur jüdischen Kultur vor Ort. Vor dem Krieg waren 60% der Bevölkerung in Oświęcim Jüd*innen. Heute lebt hier kein einziger mehr. Trotzdem gibt es noch eine lebendige Synagoge. Dieses Wissen macht mich traurig. All diese Menschen, ihre Kultur wurden ausgelöscht. Die Menschen wurden zu Nummern, ihre Kultur, ihre Religion wurden verspottet und ebenso wie die Menschen vernichtet… Gerade vor diesem Hintergrund wird mir bewusst, wie wichtig es ist, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren, wie wichtig die Arbeit von HEIMATSUCHER und das Konzept der Zweitzeug*innen ist. Wir geben den Menschen ihre Individualität, die ihnen von den Nationalsozialist*innen genommen wurde, zumindest ein Stück weit zurück. Sarah schreibt unter dem Eindruck dieser Tage eine Nachricht an alle, die sich ehrenamtlich für HEIMATSUCHER engagieren. Dem möchte ich mich anschließen: Danke an alle, die dieses Projekt mittragen! Danke an Sarah und Anna, die das Projekt gegründet haben und bis heute weitertragen!

Am Nachmittag hatten wir Zeit, an unserer Dokumentation zu arbeiten. Was nehmen wir uns selbst aus dieser Woche mit? Wie können wir unsere Erfahrungen für uns bewahren und festhalten, aber auch weitertragen? Das Ergebnis werden wir in einigen Wochen im LAKUM in Krefeld präsentieren.

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Zum Abschluss des Tages treffen wir uns noch mit Sister Mary, die hier im Zentrum für Dialog und Gebet als Nonne lebt. Sie erzählt uns vor allem von den Grundsätzen des Zentrums. Ein wichtiger Grundsatz für den Dialog hier vor Ort ist einer, den wir alle uns wohl zu Herzen nehmen sollten:

»Everyone speaks about themselves and not about one another and everybody listens.«

Ihr Engagement hier ist unermüdlich. Seit Jahren widmet sie ihr Leben nun der Versöhnung und der Erinnerung, seit acht Jahren hier im Zentrum für Dialog und Gebet.

Der Tag heute war deutlich ruhiger und weniger emotional als die letzten zwei und doch fühlt sich mein Kopf heute irgendwie leer an. Mir fällt es viel schwerer meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich werde wohl noch etwas Zeit benötigen, meine Erfahrungen, die ich in dieser Woche gemacht habe (und auch noch machen werde) zu verarbeiten. Zeit, die wir uns nehmen sollen, wie Sister Mary sagt.

 

Tag 5: Leben

Heute geht es raus aus Oświęcim und rein nach Krakau. Nachdem in den letzten Tagen die Erinnerung an den Holocaust im Vordergrund stand, geht es heute vor allem um die jüdische Kultur im Allgemeinen und in Krakau im Besonderen. Dabei lerne ich wieder eine Menge Neues. Ähnlich wie in Oświęcim gibt es heute kaum noch Jüd*innen, die in Krakau leben. Etwa 150 praktizierende Jüd*innen leben noch dort, vor dem Zweiten Weltkrieg waren es etwa 70.000, ein Viertel der Krakauer Bevölkerung. Die vielen jüdischen Restaurants im Krakauer Stadtteil Kazimierz sind vor allem für die Touristen. Kazimierz und auch die Krakauer Innenstadt haben trotzdem ihren Charme und die vielen Gässchen laden zum Herumstreunern ein.

Gemeinsam erkunden wir zunächst Kazimierz und hier auch die Remuh-Synagoge, die einzige Synagoge in Krakau, die auch heute noch als solche genutzt wird. Ganz in der Nähe befinden sich auch einige der Drehorte, an denen Steven Spielbergs »Schindlers Liste« gedreht wurde, auch wenn sich das Krakauer Ghetto in Podgórze und nicht in Kazimierz befand.

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Was hängen bleibt sind tatsächlich die Einblicke in die jüdische Kultur, die wir Dank unserer Reiseführerin erhalten haben. Ich hoffe, ich habe mir alles richtig gemerkt und gebe hier nichts Falsches wieder. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Jüd*innen nicht wie Christ*innen regelmäßig auf den Friedhof gehen, um ihrer Toten zu gedenken, da dies nicht koscher ist. Die Steine werden vor allem dorthin gelegt, um zu zeigen, dass sich an der Stelle ein Friedhof befindet. Denn ein jüdischer Friedhof darf eigentlich nie bebaut werden. Da Friedhöfe als nicht koscher gelten, dürfen sie in der Regel auch nicht von einem Rabbi betreten werden. Auch die Kohanim, eine Untergruppe der Leviten und Nachfahren Aarons, die im Jerusalemer Tempel den Dienst am Altar ausübten, dürfen Friedhöfe nur eingeschrenkt betreten. Der Familienname Cohen/Coen (und weitere Schreibweisen), wie zum Beispiel bei Leonard Cohen, Ethan und Joel Coen oder auch Sacha Baron Cohen, geht auf die Kohanim zurück. Kurz gingen wir auch auf die Gerechten unter den Völkern ein. Diese Auszeichnung wird von Yad Vashem an Nichtjüd*innen verliehen, die während des Holocaust unter Einsatz ihres Lebens versuchten Jüd*innen zu retten.

»Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.«
(Mishnah, Sanhedrin 4:5)

Nach dieser wunderbaren Führung haben wir Zeit, Krakau individuell zu erkunden. Zum Abschluss des Tages treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen im Hamsa, einem israelischen Restaurant direkt neben der Remuh-Synagoge.

 

Tag 6: Gemeinsamer Abschluss

Der letzte Tag in Oświęcim. Zunächst arbeiten wir alle individuell an unserer Abschlussdokumentation, deren Entwürfe wir uns anschließend gegenseitig präsentieren. Obwohl wir alle die gleichen Orte besucht und die meiste Zeit miteinander verbracht haben, sind die Ergebnisse doch sehr verschieden. Die Vielfalt der Arbeiten ist schön. Sie zeigt, wie unterschiedlich wir sind, wie verschieden, wir mit dem Erlebten umgehen, was für jede*n im Vordergrund steht und wie trotzdem alles zusammenpasst.

Nachmittags haben wir Zeit je nach Interesse die nationalen Ausstellungen im Stammlager zu besuchen oder an einem von Sarah und Matthias geleiteten, meditativen Rundgang über das Gelände von Auschwitz-Birkenau teilzunehmen. Ich entscheide mich für letzteres. An verschiedenen Orten bleiben wir stehen, halten inne, Sarah und Matthias lesen Texte vor, die Informationen über den Ort liefern, aber auch zum Nachdenken über Opfer, Täter*innen, das Ausmaß der Vernichtung anregen. Der Rundgang gibt mir Gelegenheit, zum Gedenken und Nachdenken, langsam kann ich meine Gedanken ein wenig zu sortieren. Die Zeit vergeht wie im Flug. Am Ende müssen wir uns beeilen, um pünktlich bei der Abschlussrunde zu sein. Hier tauschen wir nicht nur unsere Gedanken zum heutigen Tag aus, sondern ziehen auch ein erstes Fazit aus der Woche. Was nimmt jede*r von uns für sich persönlich mit?

Zum Abschluss lassen wir die Fahrt mit einem gemeinsamen Grillen ausklingen. Wir haben in dieser Woche gemeinsam geweint, aber auch gemeinsam gelacht. Wir haben uns als Gruppe gefunden, obwohl wir alle durchaus sehr unterschiedlich sind.

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Gemeinsam haben wir eine sehr intensive Woche erlebt. Nun geht es zurück. Wir werden wohl alle etwas Zeit benötigen, um unsere Erfahrungen zu verarbeiten, die uns in ihrer Intensität und Schmerzhaftigkeit bereichert haben und uns ermutigen, positiv und couragiert unseren Alltag zu meistern.

Hiermit geht der Bericht nun zu Ende.
Eure Sarah und eure Ruth

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