Allgemein

Rolf Abrahamsohn

Am 9. März 1925 wurde Rolf Abrahamsohn als dritter von insgesamt vier Söhnen, in Marl geboren. Sein Vater, der im Ersten Weltkrieg als deutscher Frontsoldat kämpfte, heiratete 1919 Rolfs Mutter. Gemeinsam betrieben sie ein Textilgeschäft. Rolf Abrahamsohn hatte eine sehr glückliche Kindheit. Er wuchs vor allem mit christlichen Freunden auf, ohne Unterschied zwischen Juden und Christen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich dies schlagartig. Alle Familienmitglieder von Rolf Abrahamsohn kamen in KZs oder aufgrund von Krankheiten um. Selbst durchlebte er sieben verschiedene Konzentrations- und Arbeitslager und wog am Ende nur noch 39 kg. Dennoch wirkte er nach dem Krieg maßgeblich daran mit, das jüdische Leben im Ruhrgebiet aufzubauen und Projekte in Israel zu unterstützen, obwohl ihm die Bilder der Vergangenheit keine Ruhe gönnen.

 

»Abi, gib die jüdische Gemeinde auf, das gib auf, das gib auf und das gib auf. Aber wenn Schüler dich suchen, dann geh hin. und wenn du von 50 Kindern nur einen davon überzeugst, dass Juden nicht schlechter sind wie die Christen, dann hast du viel erreicht.«

geboren 1925 in Marl, lebt heute in Marl

 

Rolf Abrahamsohn sagt selbst über sich, dass er zwei Gesichter hat. Passender könnte man ihn wohl kaum beschreiben. Bereits vor dem Treffen mit ihm bewies er am Telefon seine Schlagfertigkeit, seine Ironie und seinen Humor. Damit lockt er jeden aus der Reserve, lässt die Unsicherheit des Gegenübers schwinden und schafft eine vertraute und angenehme Atmosphäre.

Er ist ein Mann, der von seinem Schicksal gezeichnet ist. Sieben Konzentrationslager musste er durchstehen, er verlor seine ganze Familie und erlebte auch nach Kriegsende bittere Enttäuschungen und Antisemitismus. Die Bilder von Tod und Leid werden ihn nie verlassen. Doch all dies konnte diesen starken Mann nicht davon abbringen sich für andere einzusetzen. Er spendet Geld für Waisenhäuser und medizinische Versorgungen nach Israel. Im Andenken an seine Familie kaufte er in Akkon (Israel) ein Grundstück, um für sie einen Wald zu errichten. Unermüdlich setzte er sich jahrelang als Vorsitzender für die Jüdische Gemeinde, für die Gesellschaft Christlich-Jüdischer Zusammenarbeit und für die Israel Stiftung ein. Damit hatte er maßgeblichen Einfluss auf den Aufbau jüdischen Lebens im Ruhrgebiet. Damals und auch heute noch, trägt er einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur bei: Er unterstützte den Aufbau des Jüdisches Museums in Dorsten und hält Vorträge für Kinder in Schulen. Für seinen konstanten und engagierten Einsatz wurde er im Jahr 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Jahr 2011 erhielt er vom Kreis Recklinghausen die Auszeichnung »Vestischer Ehrenbürger«. Doch seinen eigenen Worten nach, braucht er diese Auszeichnungen nicht: »Alles was ich getan habe, hab’ ich getan für die Toten. Ich brauch kein Dankeschön dafür. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, das zu tun.«

Doch wer meint, dass alles würde Herrn Abrahamsohn leicht fallen, der irrt. Albträume und Verfolgungsängste plagen den Mann, dem man so gerne sein Leid abnehmen würde. Nach einem Gespräch über das Erlebte, sei es im Interview mit uns oder in Vorträgen an Schulen, durchlebt er alles erneut und es fällt ihm schwer sich danach zu fangen. Trotzdem aber ist es ihm wichtig, seine Erlebnisse weiterzugeben. Wenn er in einem Vortrag nur einen Einzigen erreichen würde und davon überzeugen könnte, dass Juden nicht schlechter sind als die Christen, dann hat sich für Rolf Abrahamsohn der Kraftakt des Erzählens gelohnt. Wenn ihn aber bei dem Erzählen einmal die Kraft verlässt und ihm die Tränen die Wangen runter laufen, so erzählt Rolf Abrahamsohn, dann kontert er schnell mit einem kleinen Witz und kann dann weiter erzählen. An diesen Witzen durften auch wir teilhaben, genauso wie an einer Vielzahl seiner erheiternden Anekdoten; beispielsweise darüber wie er zum Spitznamen »Würstchen« kam oder warum ihm der bekannte US-Schauspieler Cameron Mitchell (bekannt aus der Westernserie »High Chaparral« oder aus dem Film »Wie angelt man sich einen Millionär?«) zu einem Ford Mustang verhalf.

Und hier gelangen wir wieder an den Anfang: An einen bewundernswerten, starken Mann, voller Witz und Ironie, der aber vom Schicksal gezeichnet ist.

» Hineinlauschen
» Fragen? Schreib Rolfs Zweitzeugin Ruth-Anne.