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Schulbesuch an der Lindengrundschule in Budberg

Schulbesuch_Lindengrundschule_Budberg

Am 19. Juni 2017 war ich, Vanessa, in der Lindengrundschule in Budberg. Ich habe mich ganz besonders auf diesen Schulbesuch gefreut, da wir eher selten in Grundschulen sind und die Arbeit mit Grundschüler*innen noch einmal ganz anders ist als die mit Schüler*innen an weiterführenden Schulen.

Für mich ging es schon morgens früh um 5.45 Uhr los. Ich hatte zuvor im LAKUM in Krefeld übernachtet, da wir am Sonntag mit Student*innen der Hochschule Niederrhein die NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel besichtigt hatten.

In der Klasse 4a von Frau Willeke fängt der Tag immer sehr schön an: alle stehen gemeinsam im Kreis, halten sich bei den Händen und singen »Guten Morgen« in sechs verschieden Sprachen, unter anderem auf Kurdisch. Danach kommt ein Blitzlicht bei dem jeder mit dem Satz beginnt »Heute morgen geht es mir…, weil…«. An diesem Morgen stand aber nicht nur ich als neues Gesicht mit im Kreis, sondern auch Marco Nöchel. Herr Nöchel unterstützt uns schon lange bei unserer Arbeit, wo er nur kann, und hatte uns in die Klasse seiner Tochter geholt. Er hat die Klasse den gesamten Tag begleitet und auch fleißig mitgearbeitet. Wie er den Schulbesuch erlebt hat, könnt ihr hier nachlesen.

An diesem Morgen habe ich den Schüler*innen die Geschichte von Israel Lichtenstein erzählt. Wir saßen alle zusammen in einem Stuhlkreis und die Schüler*innen haben wahnsinnig viele Fragen gestellt. Neben dem großen vorhandenen Wissen über den Nationalsozialismus, erinnere ich mich an zwei Begebenheiten ganz besonders:

Direkt neben mir saß ein Schüler, der immer wieder während meiner Erzählung den Kopf schüttelte, was mich zunächst sehr irritiert hat, da ich dachte, ich hätte etwas unverständlich erklärt. Als ich den Schüler gefragt habe, ob ich etwas nochmal erklären sollte, antwortete er:

»Ich verstehe das alles nicht. Wie konnten die Nazis so etwas tun? Jemanden wegen seines Aussehens, seiner Religion oder seiner Meinung ermorden.«

Was mich an dem Beitrag dieses Schülers so sehr beeindruckt hat, war die Tatsache, dass wir eben jene Frage auch mit den Student*innen der Hochschule Niederrhein diskutiert haben. Für mich persönlich ist wieder deutlich geworden, dass auch Grundschüler*innen ein tiefes Verständnis für die grundlegenden Fragen des Holocausts haben, die schon so lange so viele Menschen beschäftigen: »Warum?«, »Wie konnten sie nur?« und »Was bringt einen Menschen dazu, dies zu tun?«.

Nachdem ich die Geschichte von Israel Lichtenstein erzählt hatte, der von seiner Mutter als achtjähriger aus Paris in ein Kinderheim geschickt wurde, um ihn vor den Nationalsozialisten zu schützen, und der aus eben jenem Kinderheim als zehnjähriger mit seinen beiden jüngeren Cousins zurück nach Paris floh, meldete sich ein Schüler und erzählte von der Flucht mit seiner Familie aus dem Irak. Er war über sechs Wochen mit seinen Eltern und seinen jüngeren Schwestern unterwegs. Leider mussten sie seine Großmutter zurücklassen, da sie zu alt und zu schwach für die beschwerliche und gefährliche Flucht war. Nach seiner Erzählung meldeten sich mehrere Mitschüler*innen. Eine Gemeinsamkeit hatten alle Wortbeiträge:

»Deine und Israel Lichtensteins Geschichte sind sich ganz schön ähnlich.«

Schulbesuch_Lindengrundschule_BudbergZum Schluss haben wir gemeinsam Briefe an die Überlebenden geschrieben. Viele der Schüler*innen sind extra länger geblieben, weil sie so gerne noch mehr Briefe, am liebsten an alle fünf Menschen, deren Lebensgeschichte sie nun kennen, schreiben wollten. So bin ich an diesem Tag mit vielen schönen und bewegenden Eindrücken und einem Arm voll bunter Briefe dieser empathischen und wundervollen jungen Menschen nach Hause gefahren.