Aktuelles, Einblicke

Schulbesuch Weingarten

Schulbesuch Weingarten

Einen HEIMATSUCHER-Tag »gelungen« zu nennen bedeutet für mich, dass man 8 Stunden Zugfahrt vor dem Projekt und die bevorstehenden 8 Stunden Zugfahrt nach dem Projekt ausblenden und auf einen tollen Vormittag mit aktiven und interessierten Schüler*innen zurückblicken kann. Heute war genau so ein gelungener Tag!

Ich reiste bereits am Donnerstag in Weingarten bei Ravensburg in Baden-Württemberg an, einem Örtchen, das mich durch die fast komplett erhaltene Altstadt stark an meinen eigenen Heimatort, Ratingen, erinnerte und in dem ich mich deswegen direkt wie Zuhause fühlte.

Dort empfing mich Herr Aksoyan vom Verein Tavir e.V. aus Ravensburg herzlich. Tavir e.V., unter anderem gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, setzt viele spannende und wichtige Projekte um und ist vor allem durch die tollen Wilkommens-Materialien für Geflüchtete auch in der gesamten Bundesrepublik bekannt. Herr Aksoyan hatte Kathi und mich bei einem Vernetzungstreffen in Köln kennengelernt und die Verbindungen für den Schulbesuch in Weingarten hergestellt. Wir möchten uns an dieser Stelle nicht nur bei Herrn Aksoyan bedanken, sondern auch beim Bundesprogramm »Demokratie leben«, das diesen Workshop gefördert hat.

Der Frühe Vogel fängt den Wurm

Zumindest am Gymnasium Weingarten. Um 7 Uhr morgens stand ich bereits in der Schule und bereitete mein bevorstehendes Schulprojekt in der 10d vor. Ich hatte frisch gedrucktes Material unserer Zeitzeugin Elisheva und Rolfs Geschichte zum Erzählen dabei. Schließlich sollte der Unterricht bereits um 07.30 Uhr beginnen.

Dieses Schulprojekt war für mich dieses Mal insofern besonders, als dass ich zum ersten Mal unsere schönen neuen Schulmaterialien ausprobierte, in denen die Schüler*innen auch endlich arbeiten sowie sie schließlich mit nach Hause nehmen durften. Auch neu war eine Methode, die ich heute zum ersten Mal ausprobierte und sehr beeindruckt war. Ich ging mit den Schüler*innen sprichwörtlich Elishevas Lebensweg nach. Die Schüler*innen hatten die Möglichkeit auf ausgeschnittene Fußabdrücke Gefühle, Gedanken und Fragen zu den wichtigsten Lebensstationen von Elisheva aufzuschreiben und darüber in Austausch zu kommen: ihre Kindheit und Jugend in Scheveningen in Holland, ihre Verstecke während der NS-Zeit, ihre zwei großen Lieben, ihre Auswanderung nach Israel und der Aufbau eines neues Lebens mit ihrem Mann und ihren Kindern.

Gleichzeitig war ich sehr beeindruckt von den Gefühlen, die die Schüler*innen schilderten: das Erstaunen über die Diskriminierungen, auch über das Verbot von Haustieren oder die Einschränkungen beim Einkauf, im alltäglichen und gesellschaftlichen Leben, die sich ab 1933 für jüdische Menschen immer stärker verschlimmerten.

Wichtig fand ich zudem die abschließende Diskussion, die sich am Ende des Tages abzeichnete: Sind es nicht vor allem die Lebensgeschichten von Menschen, die einem Vergangenheit ganz besonders nahe bringen? Die uns verstehen lassen, warum es nicht möglich und auch nicht sinnvoll sein kann, einen »Schlussstrich« unter Geschichte und Geschichten zu setzen, so wie es manch eine politische Partei oder Personen fordern? Ist es nicht unsere Vergangenheit, auch Generationen weit entfernt, die uns zu dem macht, wer wir sind? Kleine Angewohnheiten, Ansichten, Pläne für die Zukunft und auch unsere Handlungsentscheidungen, die auch dadurch geformt sind, wer unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern sind und waren?

Beim anschließenden Mittagessen mit den Lehrkräften Frau Kalthoff und Herrn Hertrampf sowie Herrn Aksoyan von Tavir e.V. ließen wir den Tag Revue passieren.

Mit bewegenden Briefen und vielen neuen Eindrücken reise ich zurück nach Berlin.

Danke für den schönen Tag in Weingarten.

Ksenia Eroshina, Team Bildung und Team Wissenschaft