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Schwester Johanna

»Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen«, dieser Satz prägte die Kindheit von Schwester Johanna, geborene Ruth Eichmann. Als Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters wuchs Schwester Johanna glücklich mit beiden Religionen auf. Sie führte ein traditionelles jüdisches und katholisches Leben. Der Besuch der Synagoge stellte für die Familie kein Problem zum Besuch des katholischen Kindergartens dar. Die Weitsicht der im Sterben liegenden jüdischen Oma, die zum Schutz ihrer Enkelin 1933 ihre Taufe veranlasste, rettete Schwester Johanna durch die nationalsozialistische Diktatur. Aus Überzeugung und aufgrund der positiven Erfahrungen im Kloster trat sie später selbst dem Orden der Ursulinen bei, ohne dabei den Stolz auf ihre jüdische Herkunft zu verlieren.

 

»Man kann Glauben nicht erzwingen. Und ich Glaube, dass wenn wir an Gott Glauben, dass wir auch verpflichtet sind, an den nächsten als ein Geschöpf Gottes zu glauben. Mit all seinen Fehlern und mit all seinen Schwächen.«

geboren 1926 in Münster, lebt heute im Ursulinenkloster Dorsten

 

»Mitten in der Welt zu sein, unter den Menschen, von ihnen durch nichts unterschieden, sondern für sie da zu sein.« Dies ist eine Überzeugung und Lebenseinstellung von Schwester Johanna und beschreibt – sehr passend – wie wir diese offene, lebensfrohe, hilfsbereite und starke Frau erlebt haben. Unser Treffen mit Schwester Johanna war wunderschön und hat uns tief beeindruckt. Sie ist uns ohne jegliche Vorbehalte begegnet. Wir haben eine Frau getroffen, die Furchtbares erlebt hat. Sie spürte den Judenhass am eigenen Leib, verlor ihre jüdische Familie und lebte über viele Jahre unter steter Angst.

Aber Schwester Johanna hat auch eine Vielzahl an herausragenden und mutigen Menschen kennengelernt, die sich in Gefahr brachten, um ihr Schutz zu bieten. Schon ab dem frühesten Kindesalter bot ihr das Ursulinenkloster Schutz vor den Nazis und lehrte sie, den Nächsten zu lieben, Dinge in Frage zu stellen und für die Gemeinschaft zu handeln. Das Kloster und die Ordensschwestern haben ihr die Möglichkeit gegeben, zu sich selbst zu finden. Hier konnte sie frei sein, wurde geliebt, unabhängig von ihrer Herkunft. Somit hat es uns auch nicht überrascht, dass Schwester Johanna für sich ein Leben als Schwester im Kloster wählte, welches für sie stets ein liebevolles und sicheres Zuhause war. Dies ist auch bei unserem Treffen spürbar – das Kloster ist ihr Ort. Gemeinsam gehen wir durch den alten Gang des Gebäudes, durch den Schwester Johanna schon als kleines Mädchen lief und vor unseren Augen wird ihre Geschichte lebendig.

Schwester Johanna berichtet sehr bildhaft von ihren Erlebnissen, beschreibt Situationen sehr genau und macht sie damit spürbar für den Zuhörer. Seinen Ort im Leben zu finden, so erklärt uns Schwester Johanna, ist nach jüdischem Verständnis identisch damit, auch Gott gefunden zu haben.

Und man merkt ihr diesen inneren Frieden an: Sie ist lebensfroh, lacht mit uns, erzählt uns Witze. Sie beantwortet unsere Frage, ob sie glücklich sei, mit einem klaren und überzeugten »Ja!«. Wenn man bedenkt, was sie erlebt hat und welch hoch engagiertes (vielleicht auch anstrengendes) Leben sie führte, war diese Antwort für uns doch überraschend.

Gleichzeitig verstehen wir im Verlauf des Gesprächs, wie stark persönliche Erlebnisse einen Menschen prägen. Ihre Lebensgeschichte fügt sich nach und nach zu einem Ganzen zusammen.

Wenn wir an dieses Treffen mit Schwester Johanna zurückdenken, macht sich wieder ein Lächeln in unserem Gesicht breit. Wir sind sehr froh und dankbar, Schwester Johanna kennengelernt zu haben und wünschen jedem, so anzukommen wie sie.

» Hineinlauschen
» Fragen? Schreib Schwester Johannas Zweitzeugin Ruth-Anne.