Aktuelles, Ausstellungen und Veranstaltungen

Tagung »Tag der Zeitzeugen« an der Universität Tübingen – Ein Einblick in das Team Wissenschaftsarbeit

Tag der Zeitzeugen

Für den 18. und 19. Mai 2017 wurden Sarah und ich, Vanessa, zu der Tagung »Tag der Zeitzeugen« von Jun.-Prof. Dr. Christiane Bertram eingeladen. Wir sollten neben drei anderen unser Zeitzeugenprojekt vorstellen.

Am ersten Tag hörten wir einen Vortrag von Prof. Dr. Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, zur Authentizitätsaura des Zeitzeugen unter dem Titel »Wovon zeugt der Zeitzeuge?«. Es ging um die Genese, Geltungsbedingungen und die Konjunktur des Zeitzeugen. Stark thematisiert wurde der Wunsch das Früher für das Heute zu konservieren, der Wandel von der Heroisierung zur Viktimisierung des Zeitzeugen, der Zeitzeuge als Leitfigur der Erinnerung, das kulturelle Verlangen nach unmittelbarer Begegnung und die Faktizität, dass es sich bei der Zeitzeugenschaft immer um Leidzeugenschaft handelt. Aus dieser Faktizität resultiert auch die absolute Asymmetrie zwischen Opfer- und Täter*innenzeugnissen, denn Täter*innen und Machthaber*innen werden nur dann anerkannt, wenn sie als geläutert erscheinen. So entsteht eine nahezu sakrale Aura des Zeitzeugen.

Auch stellte Jun.-Prof. Dr. Christiane Bertram, Universität Konstanz, ihre Studie »Wirksamkeit von Zeitzeugenbefragungen in der Schule. Chancen und Risiken von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht« vor. Sie untersuchte, ob der Geschichtsunterricht mit Zeitzeugen die Sachkompetenz und die Themenkenntnisse der Schüler*innen fördert und ob Zeitzeugen, die in den Geschichtsunterricht kommen, anders auf Schüler*innen wirken als Zeitzeugen-»Konserven«, wie etwa Filmausschnitte oder Interviews. Die Untersuchungsergebnisse haben uns sowohl in unserer Arbeit bestärkt als auch dazu geführt, dass wir sie im geschichtsdidaktischen Kontext nun noch besser verorten können.

Tag der Zeitzeugen

Nachmittags gab es eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Aleida Assmann, Universität Konstanz, Prof. Dr. Alexander von Plato, Fernuniversität Hagen, Jun.-Prof. Dr. Christiane Bertram, Dr. Jörg Skriebeleit, KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Peter Wensierski, Autor und Journalist bei »Der Spiegel«, zu der Frage »Welche Funktionen können, sollen und dürfen Zeitzeugen in der wissenschaftlichen Arbeit und in der (außer-)schulischen Bildung einnehmen?« . Gleich zu Beginn brachte Dr. Jörg Skriebeleit eine kontroverse These in die Diskussion ein: »Das Verschwinden der Zeitzeugen birgt auch große Chancen.«  Für mich war diese These zunächst befremdlich, jedoch wurde schnell klar, warum er diese These aufgebracht hatte: Zeitzeug*innen wurden vom normalen Menschen in die Rolle eines politischen Akteurs gezwungen. Sie wurden zu Gegenerzähler*innen, Kämpfer*innen und politischen Manifestatoren. Sie werden in den heutigen Werterahmen, den sozialen Rahmen des Erinnerns und des Gedächtniswissens gezwängt. Das Leben des Zeitzeugen*der Zeitzeugen wird öffentlich gemacht und das immer wieder. Immer wieder werden Zeitzeug*innen gefragt, ob sie ihre Geschichte in der Öffentlichkeit erzählen können. Größtenteils wurden ihre Erzählungen und ihr Leben auf das Leid reduziert, das sie erfahren haben. Zeitzeug*innen wurden personalisiert und instrumentalisiert. Diese Analyse und (Ver)Nutzung des Zeitzeugen*der Zeitzeugin fand in dieser Form in den 1980er bis in die frühen 2000er Jahre statt.

Heute ist ein Wandel in der Rezeption der Zeitzeug*innen zu erkennen: gelebtes und gedeutetes Leben der Zeitzeug*innen wird heute als Historisches bestärkt. Die gesamte Biographie eines Zeitzeugen*einer Zeitzeugin rückte in den Fokus. Es werden multidisziplinäre Forschungsfragen erörtert: »Wie haben Menschen ihre Erinnerung zur Erfahrung gerinnen lassen?«, »Wenn ein Zeitzeuge anwesend ist, darf er kritisiert werden?« oder »Ist eine Dekonstruktion des Zeitzeugen ohne eine Destruktion möglich?«.

Tag der Zeitzeugen

Für mich waren nicht nur die Vorträge und die Podiumsdiskussionen wahnsinnig spannend, sondern auch die Pausen dazwischen. Von allen diesen Personen, die an der Podiumsdiskussion teilgenommen haben, hatte ich bereits vorher schon mehr als nur einen fachwissenschaftlichen Text gelesen. Für mich war diese Tagung wie eine kleine Versammlung des Who is who der Geschichtsdidaktik und Geschichts- und Kulturwissenschaften. Diesen Menschen zu begegnen, mit ihnen reden und ihnen von HEIMATSUCHER e.V. erzählen zu können war einfach nur großartig.

Abends zeigte uns Prof. Dr. Aleida Assmann Ausschnitte aus ihrem neuen Film »Anfang aus dem Ende. Die Flakhelfergeneration«, den sie zusammen mit ihren Kindern konzipiert und gedreht hatte. Auch hier konnte man deutlich den neuen Fokus auf die Zeitzeugen erkennen: Es sollen die gesamten Biographien und damit ein umfassendes Bild des Menschen.

Im Anschluss daran las Peter Wensierski aus seinem neuen Buch »Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution. Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte«. Zudem gab er uns Einblick in seine Recherchearbeit und seine Erfahrungen mit Zeitzeug*innen. Das Buch ist sehr dicht und detailliert recherchiert und zeigt umfangreiches bisher unbekanntes Material. Besonders im Gedächtnis ist mir die Tonbandaufnahme eines Verhörs der Stasi geblieben. In diesem Verhör ist der Angeklagte grenzenlos unverschämt zu dem Beamten. Etwas, was ich in der Form aus den Verhören noch gar nicht kannte.

Am zweiten Tag waren Sarah und ich am Zuge. Zusammen mit drei anderen Projekten stellten wir unsere Arbeit mit Zeitzeug*innen vor. Zunächst berichtete Dr. Dorothee Wein, FU Berlin, von ihrem Projekt »Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939-1945«, bei dem es sich um eine interaktive Online Plattform handelt. Nach uns zeigte Dr. Bernd Körte-Braun, freier Historiker in Berlin, wie Zeitzeug*innen als 3D-Hologramm in der Bildungsarbeit eingesetzt werden können und zum Schluss präsentierte Katrin Unger eine Tablet-App, die in der Gedenkstätte Bergen-Belsen eingesetzt wird. Nach der Vorstellung der Projekte würdigte und kritisierte Dr. Juliane Brauer, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, diese und bettete dies in ihren Vortrag »Zeitzeugen und Emotionen – Chancen und Risiken für das historische Lernen im 21. Jahrhundert« ein. In diesem Vortrag traten vier Spannungspole deutlich hervor: Alteritäts- versus Identitätserfahrung, Performativität versus Narrativität, Vereinheitlichung versus Diversität und mediale Zeitzeugenschaft versus Zeitzeugen hervor.

Diese Spannungspole wurden in der Abschlussdiskussion sehr intensiv und kontrovers erörtert. So wurde gefordert, dass Zeitzeug*innen oder vielmehr deren Aura entzaubert werden solle. Prof. Dr. Alexander von Plato entgegnete darauf, dass gerade dieser Zauber der Zeitzeug*innen als Katalysator dienen könne und Interesse wecke. Auch sah Prof. Dr. Aleida Assmann es im Gegensatz zu vielen anderen nicht als Nachteil, dass die Arbeit mit Zeitzeug*innen eine Identitätserfahrung ist. Laut Assmann hat Geschichte, insbesondere in Deutschland, einen Einfluss auf die Identitätsbildung, -wissen und -auseinandersetzung. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Zeitzeugenerzählungen eine subjektive und monoperspektivische Quelle sind, was vollkommen gegenläufig zu einem der essentiellen geschichtsdidaktischen Prinzipien, der Multiperspektivität, ist. Dem hielt der Journalist Peter Wensierski entgegen, denn auch (schriftliche) Quellen, wie Polizeiprotokolle, sind hochgradig subjektiv. So kann eine Zeitzeugenerzählung oft auch ein Korrektiv der (schriftlichen) Quellen sein.

Insgesamt wurde an unserer gesamten Diskussion von Prof. Dr. Alexander von Plato kritisiert, dass wir an dieser Stelle die Zukunftsvorstellungen der nächsten Generation hinterfragen, die wir heute noch gar nicht kennen. In dieser Diskussion wurde die Zukunft vorweggenommen, von der wir noch gar nicht wissen, wie sie sich entwickeln wird.

Ganz besonders bedeutend waren für mich der Austausch mit Peter Wensierski zum Thema Täterforschung, der mit Prof. Dr. Assmann zu Chavas Erinnerungen und dem Holocaust in Transnistrien und das Feedback von Prof. Dr. Alexander von Plato mit dem ich mich im September wieder treffen werde. Er möchte uns und insbesondere das Team Wissenschaftsarbeit auch gerne weiterunterstützen. Wie begeistert er von unserer Arbeit ist, hat er für uns aufgeschrieben:

»Kann man Zweitzeuge sein? Also, die Zeitzeugenschaft an Dritte weitergeben? Die Antwort heißt:  ja. Die engagierten Zweitzeuginnen von den ‚Heimatsuchern‘ haben mich in meiner anfänglichen Skepsis eines Besseren belehrt. Es ist auch eine Möglichkeit, die Erfahrungen von gestorbenen Zeitzeugen an die kommende Generation weiter zu geben.«