Allgemein, Archiv 2016

Von Swing-Kids und gutem Cognac

Das Zeitzeugeninterview mit Wolfgang Lauinger war das erste für mich bei den HEIMATSUCHER und eine erste direkte, nahbare Erfahrung mit systematischen Unterdrückung von Menschen und Andersdenkenden.

Wolfgang Lauinger, Jahrgang 1918, ist ein durch und durch lebensbejahender, positiv denkender und smarter Mann im “besten Alter”. Er ist fast 100 Jahre alt, aber geistig so rege, wie man es sich nur vorstellen kann. Er ist als zweites Kind einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters in der Schweiz geboren. In frühester Kindheit zog er schließlich nach Frankfurt am Main. Als “Halbjude” wurde er glücklicherweise nicht ins KZ verschleppt, war aber in seiner Schulzeit und in seinen Ausbildungsjahren massiven Diskriminierungen ausgesetzt. Was sich im Laufe des Gespräches herauskristallisierte, ist der Pragmatismus, den Herr Lauinger bereits sein ganzes Leben lang an den Tag legte: Was er ändern konnte, versuchte er zu ändern, und was ihm zu ändern unmöglich war, nahm er als gegeben hin. Und das tut er noch heute.

Er verkehrte als sogenanntes »Swing Kid« in Frankfurter Kreisen, die den amerikanischen Lebens- und Musikstil verehrten. Mit den für damalige Verhältnisse unüblichen langen Haaren fiel er auf und war schon in jüngeren Jahren ein Hingucker. Auf seine lange Mähne ist er auch heute noch sichtbar stolz.

Seine Homosexualität wurde innerhalb seiner eigenen Familie nie richtig anerkannt. Sein Vater, aber auch seine Mutter sagten diesbezüglich schreckliche Dinge zu ihm.  Seine sexuelle Orientierung war Zeit ihres Lebens ein Tabuthema zwischen ihnen.

Was hat Ihnen geholfen weiter zu machen? -»Die Menschen.«
– Wolfgang Lauinger

Als Anfang 20-Jähriger wurde er wegen des Verdachts auf Glücksspiel und des Besitzes eines Stücks Leder insgesamt 7 Monate ohne Anklage in Untersuchungshaft gehalten. Nach seiner Freilassung sollte er erneut von der Gestapo inhaftiert werden, floh aber. 

Nachkriegszeit

Nach dem Krieg wurde er aufgrund der Aussage eines Stricherjungen erneut verhaftet und  der Homosexualität nach §175 Strafgesetzbuch beschuldigt. Er wurde ohne Anklage sechs Monate in Einzelhaft gehalten, dann aber 1951 freigelassen.. Seit Mitte der 90er Jahre kämpft er für die  Rehabilitierung der nach §175 Strafgesetzbuch Verurteilten.

Bildung und vor allem die Weitergabe des Wissens aus dieser Zeit sieht er als wichtiges Mittel an, Demokratie zu fördern und zu bewahren. Auch auf dem Christopher Street Day in Frankfurt am Main nahm er zuletzt im Jahr 2015 an den offiziellen CSD Kundgebungen teil und sprach vor Tausenden von Menschen. Er steht für seine Meinung ein und kämpft weiterhin für seine Rehabilitierung, die ihm sehr am Herzen liegt. So treibt ihn dieser “Kampf” an und gibt ihm trotz seines hohen Alters Kraft, seine Ziele zu erreichen. Wolfgang Lauinger hat vor der Zukunft und den Veränderungen in der aktuellen Gesellschaft keine Angst, sondern sieht diese als Chance, aufzustehen und etwas zu verändern. Er wünscht sich von uns, den HEIMATSUCHERN, dass wir für das kämpfen, was wir für richtig halten, dass wir uns weiter stark machen gegen Rassismus und Antisemitismus und Diskriminierungen nicht einfach tatenlos zuschauen.  

Sein verschmitztes, kauziges Lächeln zeichnet Herrn Lauinger als charismatischen Menschen aus, der viel erlebt hat, sich aber nie hat unterkriegen lassen. Er ist übrigens Cognac-Liebhaber, aber auch einem gelegentlichen, gepflegten Schnaps nicht abgeneigt. Als Morgenmuffel war er heilfroh, dass wir ihn erst Nachmittags besuchten. Vormittags sei, laut seiner Aussage, »einfach nichts mit ihm anzufangen«.