Allgemein, Archiv 2017

Wir trauern um Wolfgang Lauinger

Wir trauern um Wolfgang Lauinger

In der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember ist unser Zeitzeuge Wolfgang Lauinger im Alter von 99 Jahren in der Budge-Stiftung verstorben. Ein Nachruf.

Wolfgang Lauinger, Jahrgang 1918, war ein durch und durch lebensbejahender, positiv denkender und smarter Mann, der Zeit seines Lebens den Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Frankfurter Homosexuellenprozesse aus den Jahren 1950/51 kämpfte. Er war mit fast 100 Jahren geistig so rege, wie man es sich nur vorstellen kann. Er ist als zweites Kind einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters in der Schweiz geboren, dann aber in frühester Kindheit nach Frankfurt am Main gezogen. Als »Halbjude« wurde er glücklicherweise nicht ins KZ verschleppt, war aber in seiner Schulzeit und in seinen Ausbildungsjahren massiven Diskriminierungen ausgesetzt. Was sich im Laufe unserer Gespräche mit ihm herauskristallisierte, war der Pragmatismus, den Herr Lauinger bereits sein ganzes Leben lang an den Tag legte: Was er ändern konnte, versuchte er zu ändern, und was ihm zu ändern unmöglich war, nahm er als gegeben hin. 

Er verkehrte als sogenanntes »Swing Kid« in Frankfurter Kreisen, die den amerikanischen Lebens- und Musikstil verehrten. Mit den für damalige Verhältnisse unüblichen langen Haaren fiel er auf und war schon in jüngeren Jahren ein Hingucker. Als Anfang 20-Jähriger wurde er wegen des Verdachts auf Glücksspiel und des Besitzes eines Stücks Leder  insgesamt sieben Monate in Untersuchungshaft gehalten, später aber aufgrund Mangels an Beweisen wieder freigelassen. Nach seiner Freilassung sollte er erneut von der Gestapo inhaftiert werden, floh aber. Er fand Arbeit in einer Fabrik in Pforzheim, dessen Vorarbeiter ihn deckte und ein paar Jahre später warnte und fortschickte, als die Nazi-Schergen auf seiner Spur waren.

Nach dem Krieg wurde er 1950 von einem Richter der Homosexualität nach §175 Strafgesetzbuch beschuldigt, nachdem Gestapo-Verhörprotokolle als »Beweise« seiner Homosexualität verwendet wurden. Diese Tatsache hat uns bei seinen Erzählungen sehr schockiert. Er wurde weitere sechs Monate in Einzelhaft gehalten, dann aber 1951 aufgrund  von Beweismangel freigelassen. Seit Mitte der 90er Jahre kämpfte er für die Rehabilitierung der nach §175 Strafgesetzbuch Verurteilten.

Bildung und vor allem die Weitergabe des Wissens aus dieser Zeit sah er als wichtiges Mittel an, Demokratie zu fördern und zu bewahren. Auch auf dem Christopher Street Day in Frankfurt am Main nahm er zuletzt im Jahr 2015 an den offiziellen CSD Kundgebungen teil und sprach vor Tausenden von Menschen. Er stand für seine Meinung ein und kämpfte bis zuletzt für seine Rehabilitierung, die ihm sehr am Herzen lag.

Sein verschmitztes, kauziges Lächeln zeichnete Herrn Lauinger als charismatischen Menschen aus, der viel erlebt hat, sich aber nie hat unterkriegen lassen. Sein letzter Wunsch wurde ihm am 28. Dezember 2017 erfüllt, indem er auf dem Jüdischen Friedhof seiner Gemeinde in Balduinstein unter einer riesigen Eiche beerdigt wurde. Drei von uns HEIMATSUCHERN wurde die Ehre zuteil, uns im Kreise seiner Familie und engsten Freunde von Wolfgang Lauinger zu verabschieden. Wir werden seine Geschichte weitererzählen.

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