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Wo sich Lebenswege kreuzen – Stolpersteinverlegung in Kleve

Stolpersteine sind mittlerweile ein selbstverständlicher Teil vieler Stadtbilder, und auch wenn ich oft im Vorbeigehen einen zweiten Blick auf sie werfe, waren es für mich bisher vor allem nur Namen. Dabei geht der Gedanke dieses Erinnerungsprojektes viel weiter: Man muss eine Geschichte recherchieren, sie wieder hervorholen und für die Zukunft sichern, damit der Künstler Gunter Demnig diesen quadratischen, goldenen Stein in den Gehweg setzt. Und so markiert der Stein zwar oberflächlich einen Ort und einen Moment, steht jedoch für einen Weg und ein ganzes, häufig grausam beendetes Menschenleben.

Bewusst sind mir diese zwei Dimensionen erst vor Kurzem geworden. Ich saß mit Eva Weyl, Überlebende von Westerbork, in einem Hotelrestaurant und wir sprachen über gemeinsame Vorhaben und wie wichtig ihr ihre Arbeit in Kleve sei. Eva sagte, wie froh sie sei, dass wir uns ihrer Familiengeschichte annehmen und diese so auch zukünftig in Kleve erzählt würde, schließlich sei dies doch die Heimat ihres Vaters und ihres Großvaters gewesen. Irgendetwas regte sich bei ihren Worten in meinen Erinnerungen. Chanoch. Chanoch Mandelbaum ist doch in Kleve geboren! Diesen tapferen und so stolzen Mann hatte ich 2010 in Jerusalem kennenlernen dürfen. Eher wie im Reflex kam mir die Frage »Kennst Du die Familie Mandelbaum?« über die Lippen. »Natürlich!«, antwortete Eva prompt. »Die Stolpersteine der Familie Mandelbaum werden auch in zwei Wochen verlegt. Am gleichen Tag wie die für meine Familie. Unsere Familien kannten sich doch.«

Ich habe die Geschichten von 24 Zeitzeug*innen hören dürfen, habe viele portraitiert und erzähle seit über sechs Jahren von ihnen. Ihre unbeschwerte Kindheit, ihr Verlust und ihr Mut sind Teil meines Lebens geworden. Und doch bringt mich dieser Moment aus dem Konzept. Ich verstehe, dass sich in Kleve zwei dieser Geschichten kreuzen und bin überrascht, dass ich überrascht bin. Überrascht davon, dass die Geschichten real sind und echte Menschenleben beschreiben, die sich berührt haben.

Vor dem Krieg  war Evas Großvater David ein bekannter Klever Bürger. Er besaß das Kaufhaus Weyl in der Innenstadt, ihr Vater Hans ging auf das Gymnasium, seine Schwester Trude auf das Lyzeum. Nach der Befreiung ist Evas Vater immer wieder nach Kleve zurückgekommen, um zu erzählen. Irgendwann ist sie mitgekommen und heute ist es ihr persönliches Anliegen, ihre Familiengeschichte zu erzählen. Das spüren wir bei der Stolpersteinverlegung am 16. Februar 2017 deutlich. Wir stehen vor dem Haus, in dem Evas Vater und Großvater damals lebten. Evas Sohn hält ein Bild des Großvaters in die Luft, ihre Enkelin das Mikro und im Hintergrund hört man das Klopfen eines Hammers auf Pflasterstein.

Ein paar Straßenzüge weiter, vorbei an dem Kaufhaus, das einst Evas Großvater gehörte, stehen wir vor dem einstigen Zuhause der Familie Mandelbaum. Chanoch, der damals noch Heinrich hieß, ist als 14-jähriger Junge jeden Morgen aus dieser Tür gekommen, um zur Arbeit zu fahren. Hierher ist er mit Fragen zurückgekehrt, als er die Synagoge hat brennen sehen und von der Ausbildung ausgeschlossen wurde. Es ist ein Ort, an den er nicht wieder zurückgekehrt ist, nachdem seine Eltern und sein Bruder Max ermordet worden sind. Heinrich hat sich fortan Chanoch genannt und in Israel mit seiner Frau Rachel ein neues Leben begonnen.

Vor Marinas und meinen Augen werden die Geschichten, die wir immer wieder erzählen, plötzlich lebendig. Sie hinterlassen Spuren in den Straßen. Ich sehe Heini, der Evas Vater auf dem Heimweg grüßt, Neuigkeiten werden unter den Erwachsenen ausgetauscht – vielleicht dort vorne an der Ecke, an einem milden Frühlingstag? Lachen. Hitzige Diskussionen. Ein freundliches Lächeln. Heute bleiben von den beiden Familien voller Leben acht goldene Steine:

Lindenallee 32a–34

Hier wohnte Sophie Weyl, geb. Jonas, Jg. 1866, gedemütigt / entrechtet, tot 11.8.1936

Hier wohnte David Weyl, Jg. 1873, »Schutzhaft« 1938, Flucht 1939 Holland, interniert Westerbork, deportiert 1944 Theresienstadt, befreit, tot an den Spätfolgen

Hier wohnte Hans Weyl, Jg. 1907, Flucht 1933 Holland, interniert Westerbork, befreit

Hier wohnte Trude Weyl, verh. Heimann, Jg. 1911, Flucht 1938 USA

An der Münze 7–9

Hier wohnte Fritz Feiwel Mandelbaum, Jg. 1892, deportiert 1942, ermordet im besetzten Polen

Hier wohnte Erna Ester Mandelbaum, geb. Kreuzer, Jg. 1896, deportiert 1942, ermordet im besetzten Polen

Hier wohnte Max Meir Mandelbaum, Jg. 1920, deportiert 1944, ermordet in Flossenbürg

Hier wohnte Heinrich Mandelbaum, Jg. 1923, Flucht 1938 Holland, interniert Westerbork, deportiert 1944 Bergen Belsen, Verlorener Zug Tröbitz, befreit

– Eure Sarah, 1. Vorsitzende des HEIMATSUCHER e.V.