Carlo Lietz

Carlo Lietz war der einzige Sohn überzeugter Nationalsozialisten. Mit kindlicher Begeisterung marschierte und sang er bei den Märschen der Hitler-Jugend mit, glaubte an den arischen Übermenschen und genoss das Gefühl der Überlegenheit, der Unbesiegbarkeit. Als er in das Alter kam, in dem er für seine Entscheidungen Verantwortung übernehmen musste, besaß er die seltene Größe, seiner inneren Stimme zu vertrauen. Der Wille, seinem Gewissen statt seinen Befehlen zu folgen, machte ihn nicht nur zu einem schlechten Soldaten, sondern schließlich zum Deserteur.

Nach dem Krieg blieb die Enttäuschung über die Unbelehrbarkeit der Industriellen, seiner Kollegen und Klienten in der jungen Bundesrepublik. Aus Ernüchterung entschied er sich nach Italien auszuwandern. Hier fand er, zusammen mit seiner Frau, zwischen Olivenbäumen, Weinflaschen und Partisanenliedern ein gemeinsames Paradies. Auch wenn er die letzten Jahre in einem Seniorenheim in Deutschland verbrachte, verwahrte er dieses Paradies bis zum Ende in seinem Herzen.

Die Leute haben mich angeguckt… Stumm. Das kommt mir heute noch nachts… […] »Das sind keine Menschen«, sagt er, »da sitzt Ungeziefer. Das sind Schmarotzer. Das sind Juden aus Ungarn und die werden in Auschwitz durch den Schornstein gejagt.« »Was?«, sag ich: »Das sind doch Menschen!« »Junge, halt die Schnauze, sonst kannst du grad´ hier mitfahren!« So, da war’s passiert bei mir. Da mach ich nicht mehr mit.

Carlo Lietz

DAS INTERVIEW

Karl-Heinz Lietz wurde uns von Siegmund Pluznik, seinem Nachbarn in der Budge-Stiftung, vorgestellt. »Den müssen Sie gesprochen haben«, war Herr Pluzniks Kommentar. Als wir Karl-Heinz Lietz’ Apartment besuchten, wehte uns zuallererst eine würzige Knoblauchwolke entgegen. Erst danach bemerkten wir den tief gebückten Mann, der seine Gäste über die zwei Laufstöcke hinweg begeistert angrinste. Es war ein Lächeln, das man selten zu Gesicht bekommt: Aus tiefstem Herzen hervorbrechend, bereit jedem zu begegnen, ganz gleich, wer er ist und woher er stammt. Ohne die Wohnung betreten zu haben, fühlte man sich schon zuhause, einfach nur, weil man spürte, dass man hier willkommen war.

Karl-Heinz Lietz stellte sich bei uns mit Carlo vor. Es war die Folge einer Entscheidung, die er vor vielen Jahren getroffen hatte. Er war zum Italiener geworden, die logische Konsequenz seiner Erfahrungen im Nachkriegsdeutschland. Seine ausschweifenden Geschichten wurden stets von einer ausladenden Gestik und ausdrucksstarken Mimik begleitet. Carlo beantwortete nicht nur unsere Fragen, er durchlebte Erinnerungen, teilte Geschichten, verschenkte Weisheiten. Und von alledem hatte er viel zu geben. Mit jedem, der sich darauf einließ, konnte er Stunden über Stunden referieren und philosophieren. Dabei begegnete er seinem Gesprächspartner immer auf Augenhöhe. 

Neben seiner großen Leidenschaft für gute Konversation hatte Carlo ein einzigartiges Gespür für die kleinen Freuden des Lebens − er war ein Genussmensch. »Ich habe mein Paradies gefunden«, lächelte er, als sähe er es in genau jenem Moment vor sich. Sein Paradies, das war der Garten seiner Villa in Norditalien. Die Putzfrauen und Krankenschwestern der Budge-Stiftung brachten Carlo gerne Knoblauch und Gemüse aus dem eigenen Anbau mit. Carlo im Gegenzug beschenkte jeden, der es zu schätzen wusste, mit gutem Wein aus seinem Keller. An manchen Abenden lud er die Damen aus der Nachbarschaft zur Weinverkostung ein. »Ich darf ja keinen Wein mehr trinken. Ich rieche aber gerne daran«, sagte er mit einem Augenzwinkern.

Carlo Lietz ist am 3.8.2015 verstorben. Wir erinnern uns an einen Menschen, der Zeit seines Lebens seine Taten für sich hat sprechen lassen. Carlo war konfessionslos und dennoch tief religiös: »Ich glaube an einen Gott ohne Parteibuch.« Nach diesem Motto lebte er, und ich kenne niemanden, der den jüdisch-christlichen Leitsatz »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« so konsequent auslebte. Für Carlo war Nächstenliebe kein abstraktes Konstrukt, sie war Programm. Sein Leben war geprägt von den Entscheidungen, die daraus resultierten. Wir sind dankbar, dass diese Entscheidungen ihn letzten Endes zu uns geführt haben und dass wir durch ihn lernen durften, was Menschlichkeit bedeutet.
– von Simone Hüttenberend.

» Fragen? Schreib Carlos Zweitzeugin Anja.

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