Dankesrede von HEIMATSUCHER zum Zukunftspreis der Israelstiftung in Deutschland

Vielen Dank für diese wundervollen Worte, die uns so ehren! Herzlich begrüßen möchte auch ich Sie im Namen von HEIMATSUCHER e.V.

Unter den heutigen Gästen befinden sich so viele beeindruckende Persönlichkeiten, einige durften Sie bereits auf der Bühne erleben und viele wurden bereits genannt. Und viele weitere, die für uns eine ganz besondere Rolle spielen, sitzen hier unter Ihnen – Familien und Freunde, treue Wegbegleiter! Sie alle heißen wir herzlich Willkommen!

»Ihr seid jung – warum geht ihr nicht raus und tanzt? Warum beschäftigt ihr euch mit einem so traurigen Thema?« Die Überlebende Frieda Kliger hat ausgesprochen, was viele denken. Wir sind junge Menschen. Wir gehören zu der Generation, der politisches Desinteresse, Überdruss und gleichzeitig Unwissen beim Thema Schoah nachgesagt wird. Trotzdem verbringen wir seit über sechs Jahren einen großen Teil unserer Zeit mit diesem Thema – hören zu, reden, erzählen weiter. Die Begründung fällt uns leicht: Die Schoah kann nicht allein durch Zahlen und Fakten begriffen werden. Als wir 2010 im Rahmen einer studentischen Projektarbeit nach Israel reisten, kannten wir den Holocaust nur aus Geschichtsbüchern. Ein abstraktes und anonymes Thema, weit weg von unserem Leben.

Doch durch die erste Begegnung mit einer Überlebenden, mit dem ersten Lächeln von Shoshana Maze, änderte sich unser Blick auf das Thema. Wir haben Menschen getroffen – Menschen, die lachen, diskutieren, die Witze machen, die für uns kochen und sich um uns sorgen, wie um ihre Enkel. Gleichzeitig haben wir begriffen, was eben diesen Menschen jahrelang angetan wurde. Es war Shoshanna, die sich verstecken musste; Chava, die durch Wälder getrieben wurde und Rolf, der Konzentrationslager um Konzentrationslager überlebte. Wir haben Menschen getroffen, die alles verloren, was ihnen je wichtig war und dennoch heute voller Wärme ihre Arme um uns schließen. Diese Begegnungen haben unsere Sicht auf die Geschichte verändert. Sie wurde für uns konkret, persönlich und zu einem Herzensprojekt, in dem wir Liebe, Kraft und Freude fanden und gerne Arbeit investieren.

Unser erster Dank am heutigen Abend gebührt daher den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die uns in ihre Wohnungen, in ihre Lebensgeschichte und in ihre Herzen eintreten ließen. Wir haben von ihnen so viel mehr erhalten, als nur Gespräche. Wir durften ihre Familien kennenlernen, denen wir ebenso danken möchten. Wir durften mit ihnen lachen und weinen, Geburtstag feiern und sie auf ihrem letzten Weg begleiten. Danke für eure Zeit, eure Geschichten und eure Freundschaft. Ohne euch gäbe es diesen Verein nicht und wir sind froh, euch zu kennen. Wir ziehen den Hut vor euch, eurem Mut und eurer Kraft.

Die Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind eines der höchsten Güter unserer erinnerungskulturellen Möglichkeiten und haben das Leben aller Ehrenamtlichen des Vereins grundlegend bewegt und verändert. Gleichzeitig zeigt unser Konzept den Überlebenden auch, dass wir den Auftrag des Erzählens ihrer Geschichte weiterführen.

So nähern wir Generationen, Religionen, und nicht zuletzt die Länder Israel und Deutschland, einander an. Unsere Intention ist Antisemitismus und Rassismus aktiv vorzubeugen und eine zeitgemäße Erinnerungskultur wachzuhalten. »Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten«, sagte einst August Bebel und unsere Erfahrung lehrt uns, wie Recht er damit hatte. In unserer heutigen Zeit, in der Hassparolen und Ausgrenzungsgedanken einen fruchtbaren Boden finden und in der Rassisten und Egomanen Wahlen für sich entscheiden können, sind wir davon überzeugt, dass vor allem Aufklärung über unsere Vergangenheit dem entgegenwirken kann.

Das Zuschauen und Hinnehmen von rassistischen Gedanken im öffentlichen Raum ist für HEIMATSUCHER nicht denkbar. Wir möchten bewegen, und das, indem wir Kinder und Jugendliche direkt erreichen. Bewegen, indem sie die Vergangenheit kennen und daraus etwas für unsere Gegenwart und Zukunft lernen. Als zweite Zeugen, die zuhören und verstehen. Dass wir dabei mit unserem Konzept der Zweitzeugen auf einem guten Weg sind, zeigen uns vor allem die Briefe von vielen Kindern und Jugendlichen an Überlebende. Sie bestärken uns in unserem Handeln.

Wenn ich sage »wir«, spreche ich nicht nur für den Vorstand und mich. Ich spreche hier für einen Verein bestehend aus 111 Mitgliedern und etwa 70 jungen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Dass wir einmal so zahlreich an so vielen Stellen Unterstützung erfahren würden, hätten wir vor über sechs Jahren kaum zu träumen gewagt. Wir danken an dieser Stelle unseren Mitgliedern für die finanzielle und ideelle Unterstützung auf so vielfältige Weise. Und wir danken unseren Ehrenamtlichen. Bitte fühlt euch alle umarmt für euren unermüdlichen Einsatz an den verschiedensten Stellen. Wir wären nicht da, wo wir heute stehen, wenn ihr nicht wärt. Dieser Preis ist für uns alle.

Unsere Arbeit ist vielfältig und doch auch inhaltlich immer verbunden mit dem Staat Israel und seinen Bewohnern. Wir vermitteln Geschichten, die viele dieser Bewohner und Bewohnerinnen selbst erlebt haben, oder die in ihrer Familiengeschichte verankert sind. Wir stehen damit in der Tradition unseres Landes, das seit 1965, mit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, diese kontinuierlich vertieft und intensiviert hat. Dieser Verantwortung sind wir uns sehr bewusst. Die Ursprünge unseres Vereins liegen in Israel, dort begann unsere Reise, dort führten wir die ersten zehn Interviews. Für uns ist Israel das Zuhause von Freunden und der Ort, an dem Erinnerung sehr lebendig wird. Wir halten Kontakt zu den Überlebenden und kehren immer wieder dorthin zurück. Erinnerung an die Schoah, so wie wir sie vollziehen, hat immer Israel und seine Menschen im Blick.

Die Bundeszentrale für politische Bildung konstatiert, dass die Schoah »in der Breite als historischer Erinnerungsort und gemeinsamer Referenzpunkt zu verblassen [scheint]« (bpb). Das sorgt uns: Ein Verblassen möchten, ja können wir nicht zulassen! Seit 2011 konnten wir insgesamt 16 Ausstellungen in verschiedenen Orten in ganz Deutschland mit über 12.000 Besuchern realisieren, haben 25 Überlebende getroffen und etwa 3.500 Schülerinnen und Schüler erreicht. Wir haben mehrere wunderbare Preise erhalten und sind stolz über mediale Aufmerksamkeit und viele wichtige Unterstützer. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle unseren vielfältigen und so engagierten Kooperationspartnern, die mit uns Plattformen gestalten und Visionen verfolgen, unseren ideellen Unterstützern, die uns mit Rat, Tat und Weitsicht an der Seite stehen und unseren finanziellen Förderern! Es freut uns, dass viele von Ihnen heute anwesend sind. Danke für Ihr und euer Vertrauen und für eure Unterstützung!

Beeindruckt stehen wir heute auf dieser Bühne. Die Zeremonie war und ist für uns eine unglaubliche Würdigung. Danke an Frau Rau für ihre inspirierende Laudatio und an Herrn Moron für ihre großartige Ansprache. Ihre Worte ehren uns zutiefst. Liebe Frau Gödecke – Sie, Ihre Kolleginnen und Kollegen und einige Parteimitglieder erinnern sich vielleicht, wie wir damals als junge Studentinnen hier vor Ihnen standen und eine unserer ersten Ausstellungen im Landtag NRW umsetzten. Während viele uns junge Studentinnen-Gruppe noch nicht richtig ernst nahmen, sahen Sie direkt in uns unser ehrliches Interesse, unsere Leidenschaft und unser Potenzial. Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihr Vertrauen, Ihre hohe Wertschätzung im frühen Stadium und Ihre bis heute spürbare Unterstützung! Wir freuen uns, dass Sie uns wieder empfangen. Danke an Herrn Schmuck für die ausgezeichnete Moderation dieses gelungenen Abends. Danke an Sarah Böhlke und Janika Raisch für die Beteiligung an unserer Diskussionsrunde. Danke, Frau Nitsch und Frau Mandt, für die Vorbereitungen und die vielen netten Gespräche im Vorfeld. Sie, und noch viele Andere, haben diesen Abend für uns so unvergesslich gemacht.

Nachdem ich heute schon vielen Menschen und Wegbegleitern danken konnte, möchte ich nun die Gelegenheit nutzen, unseren größten Dank des heutigen Abends auszusprechen. Die Auszeichnung mit dem Zukunftspreis durch die Israelstiftung in Deutschland macht uns sprachlos und unendlich dankbar. Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, waren wir eine Handvoll Studentinnen, die viele Visionen hatten. Dass wir für diese Ideen, diesen so wichtigen Preis bekommen, lässt uns vor allem staunen und gibt uns großen Mut als Zweitzeugen weiterzumachen. Es ist uns eine Ehre von einer Stiftung ausgezeichnet zu werden, die es sich zum Ziel gesetzt hat, »Menschen in Deutschland zu bewegen, sich gegen das Vergessen und für das Erinnern einzusetzen« (Israelstiftung). Dass unsere Arbeit als dafür relevant empfunden wird, bestätigt uns in unserem Wirken. Auch dass wir mit Christina Rau und Borussia Mönchengladbach in einer Reihe von Preisträgern stehen, ist überwältigend. Eine Auszeichnung der Israelstiftung in Deutschland öffnet uns viele Türen. Mit dem Namen Ihrer Stiftung in Verbindung gebracht zu werden und Sie als Unterstützer hinter uns zu wissen, bedeutet für uns ein kaum messbares Renommee. Wir bedanken uns beim Vorstand und dem Kuratorium der Israelstiftung Deutschland, vielen Dank, Frau Prof. Dr. Mandt und Herr Moron, die Sie hier stellvertretend für die beiden Gremien den Preis überreicht haben. Als wohl letzte Generation, die noch einen Zeitzeugen persönlich treffen kann, begreifen wir diese Auszeichnung als Ansporn, Aufgabe und Aufforderung an uns als Zweitzeugen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Katharina Müller-Spirawski
3. Vorsitzende und Leiterin der Bildungsabteilung
HEIMATSUCHER e.V.
k.hermes@heimatsucher.de

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Was ist HEIMATSUCHER?

Wir von HEIMATSUCHER e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Schulklassen und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu machen. HEIMATSUCHER e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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