Filmtipp: »Die Wohnung« von Arnon Goldfinger

Arnon Goldfinger, Regisseur des Dokumentarfilms »Die Wohnung«, löst gemeinsam mit seiner Mutter und Verwandten in Tel Aviv die Wohnung seiner im Alter von 98 Jahren verstorbenen Großmutter Gerda Tuchler auf. Diese lebte dort 70 Jahre gemeinsam mit ihrem Ehemann Kurt Tuchler. Die Familie stammte aus Berlin und ist 1936 aus dem Deutschen Reich nach Palästina geflüchtet. Unter unzähligen Briefen, Fotos und Dokumenten aus mehreren Jahrzehnten finden sich Belege, dass die jüdischen Großeltern eng befreundet waren mit der Familie des SS-Offiziers Leopold von Mildenstein. Arnon Goldfinger, der Enkel, geht der Sache auf den Grund und möchte die Gründe erfahren für die enge Freundschaft zwischen seinen jüdischen Großeltern und einem SS-Offizier.

Diese Dokumentation spricht genau das an, was mir sehr wichtig in der heutigen Debatte um Erinnerung der NS-Zeit erscheint: die Auseinandersetzung auf familiärem Boden, die sowohl in jüdischen Familien als auch in Familien, aus denen ehemalige NS-Offiziere stammen, kaum geschieht.

Die Wohnung meines Opas

Als ich 16 war, starb mein Opa, der Vater meiner Mutter. Auch wir fuhren zu Opas Wohnung und trauten uns zum ersten Mal, all die alten Schränke zu öffnen, die für mich als Kind immer verschlossen geblieben waren. Erst war meine Mutter noch sehr zögerlich und räumte Sachen in Kisten, die sie kannte und die ihr vertraut waren. Später dann räumten wir Dosen aus, die auch sie noch nie gesehen hatte. Es waren Dosen voll mit Fotos und Abzeichen, NS-Abzeichen. Ich wusste, dass mein Opa Soldat in der Deutschen Wehrmacht gewesen war. Er machte immer komische Witze über seine Gefangenschaft in Amerika, wenn er auf seinem Stammplatz am Tisch saß und mal wieder ein Bier zu viel trank. Ich mochte meinen Opa sehr, aber selbst als ich noch jünger war, merkte ich, dass er Dinge erlebt hatte, die ich nie verstehen würde. Einmal sagte er:

»Krieg ist etwas so Schreckliches, ich hoffe, du wirst niemals einen Krieg erleben.«

Geblieben waren ihm die Lieder, die er immer und immer wieder mit seiner Mundharmonika spielte. Lieder, die ihm die Amerikaner während seiner Gefangenschaft beigebracht hatten. Das war alles, was ich bis dahin über Opa wusste. Auch meine Mutter hatte nie besonders viel aus ihm herausbekommen.

Da saßen wir nun in Opas Wohnung, ohne ihn, und trafen auf Dinge, die uns mehr erzählen konnten, als Opa uns jemals erzählen hätte wollen. In dem Moment fing die Reise an. Eine Reise auf der Suche nach Antworten. Auch für meine Mutter. Wie lange war er Soldat? War er Mitglied der NSDAP oder nicht? Hat er die Ziele der NSDAP unterstützt oder war er nur ein Soldat, der meinte, seine Pflicht tun zu müssen? Wie war es ihm ergangen?

Als ich die Dokumentation von Arnon Goldfinger sah, musste ich an genau diesen Monat denken: Ich mit 16 Jahren, wie ich da hockte zwischen Hakenkreuz-Abzeichen und Fotos von Opa in Uniform, und mich fragte: Was bedeutet das für mich? Was bedeutet das für meine Familie? Und warum hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keiner darüber gesprochen?

Ausseinandersetzung mit Geschichte

Auch Arnon fragt sich in der Dokumentation, wieso erst die dritte Generation anfängt, Fragen zu stellen. Mittlerweile merkt man sogar wieder eine Tendenz hin zur Einstellung: »Wir haben jetzt aber auch mal genug darüber gesprochen.« Aber mit wem haben wir denn darüber gesprochen? Ja klar, ich habe während meiner Schulzeit Bücher zum Thema Holocaust und den Zweiten Weltkrieg im Deutsch-, Geschichts- und Gesellschaftsunterricht gelesen. Aber wann hat man denn mal in der Familie darüber gesprochen? Was hat Oma eigentlich in der Zeit gemacht und was war Opas Rolle im Krieg? Wie haben sie die Ausgrenzung der Juden erlebt? Was dachten sie darüber?

Um zu verstehen, wie Menschen, die dir selbst so nah sind, doch vielleicht Entscheidungen getroffen hatten, die man als verwerflich und grausam empfinden würde, das ist eine tatsächliche Auseinandersetzung. Die Bücher aus dem Unterricht konnten mir zwar Fakten aufzeigen, aber keiner dieser Texte konnte mir zeigen, wie Menschen seltsame, vielleicht sogar tödliche und grausame Entscheidungen treffen konnten. Die Verbindung entstehen zu lassen zwischen mir selbst und meinem Opa, zu verstehen, wie ein Mensch fähig ist zu bestimmten Entscheidungen, das ist Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Die Augen öffnen für die vergessenen Geschichten

Die Dokumentation ist unglaublich bedeutungsvoll, weil sie eine Verbindung zwischen uns und einer Generation herstellt, die langsam in Vergessenheit gerät. Sie zeigt, wie viele ungelöste Rätsel noch hinter dieser Generation stecken, die in der Zeit gelebt hat, von der manche meinen, schon genug gehört zu haben.

Sie setzt genau im richtigen Zeitpunkt an. Denn jetzt haben manche von uns vielleicht noch die Chance, die Oma oder den Opa aus erster Hand erzählen zu hören. Wir sollten nicht nur die Nase in Geschichtsbücher tauchen, sondern die Augen öffnen für die vergessenen Geschichten der Großeltern.

Lily Prollius (Ehrenamtlerin bei HEIMATSUCHER)

Was ist HEIMATSUCHER?

Wir von HEIMATSUCHER e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Schulklassen und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu machen. HEIMATSUCHER e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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