Ein Rückblick mit Ausblick auf eine Kooperation

»Nicht zu vergessen – das ist das Einzige, was wir noch machen können. Und zuhören.«

– Schüler, 9. Klasse

Vom 14. Februar bis zum 8. Mai war unsere Ausstellung zu Gast im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten. Ein ganz besonderer Ort für uns, denn Rolf Abrahamson und Schwester Johanna wohnen in direkter Nachbarschaft und haben das Museum mitaufgebaut.

Die Vorbereitungen für diese Ausstellung fingen schon im Sommer 2015 an und wurden ganz konkret im Dezember als wir, Sarah, Rudi, Anja und Vanessa,  uns zu einem ersten Planungstreffen in Dorsten mit Mareike Böke und Thomas Ridder trafen. Wir besprachen den Zeitraum, die Aufgabenverteilung, den Aufbau, die Eröffnung der Ausstellung und vieles mehr. Bis zur langersehnten Eröffnung gab es wirklich einiges zu tun. Nicht zuletzt planten wir das didaktische Begleitprogramm. Die Kooperation zwischen HEIMATSUCHER e.V. und dem JMW war eine ganz besondere und zeigte uns viele neue Perspektiven. Beide Seiten konnten ihre Erfahrungen einbringen, einander ergänzen und neue Konzepte entwickeln. Am Anfang waren alle etwas unsicher, ob und wie viele Schüler*innen und Lehrer*innen das didaktische Begleitprogramm wahrnehmen würden. Letztendlich war diese Unsicherheit vollkommen unbegründet: Insgesamt haben wir 25 Führungen durch die HEIMATSUCHER-Ausstellung gemacht. Wir haben damit über 650 Schüler*innen erreicht und ebenso viele mitfühlende Zweitzeugen gewonnen, die die Geschichten der Überlebenden weitererzählen werden!

Das St. Ursula Gymnasium, dessen ehemalige Direktorin unsere Schwester Johanna ist, und das Paul-Spiegel-Berufskolleg besuchten jeweils mit sechs Gruppen die Ausstellung. Aber auch viele andere Schulen aus Dorsten und Umgebung nahmen das didaktische Begleitprogramm zur Ausstellung wahr, das wir gemeinsam mit dem JMW konzipiert hatten.

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Die Lehrer*innen konnten aus unterschiedlichen Modulen wählen und ihren Besuch den eigenen Vorstellungen anpassen. Die Führung durch die HEIMATSUCHER-Ausstellung konnte kombiniert werden mit einer Führung durch die Dauerausstellung des JMW. Dabei lernten die Schüler*innen Grundlagen des Judentums kennen und setzten sich mit der Geschichte der Judenfeindschaft in Westfalen auseinander.

Neben der Führung durch die Ausstellung standen mehrere Workshops zur Auswahl, aus denen die Lehrer*innen wählen konnten. In dem Workshop »Ein ganz normaler Tag« beschäftigten sich die Schüler*innen mit antijüdischen Gesetzen und Verordnungen. Zum Einstieg wurde darüber gesprochen, welche antijüdischen Gesetze es gab und welche Funktion sie hatten. Später wurde erörtert, wie sie durchgesetzt wurden und vor allem, warum sich zunächst kaum Widerstand regte. Dabei wurden Mechanismen von Ausgrenzung und Diskriminierung verdeutlicht. Dies  war eine gute Vorbereitung für den anschließenden Ausstellungsbesuch. Denn, so verschieden die Zeitzeugenporträts auch sind, gleich ist ihnen, dass alle Überlebenden von einer »ganz normalen Kindheit« berichten, in der Religion mal mehr, mal weniger eine Rolle spielte, in der draußen mit den Nachbarskindern getobt wurde, in der sie gute oder schlechte Schüler*innen waren. Doch dann kam der Wandel 1933: sie erfuhren Ausgrenzung, durften nicht mehr in den Sportverein, zur Schule, ins Kino, ins Schwimmbad, in die Bibliothek oder teilweise nicht mehr mit ihren Freund*innen spielen.

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Durch den Workshop »Ein ganz normaler Tag« wurden antijüdische Gesetze, die vor mehr als 70 Jahren in Kraft traten, und das historische Wissen über den Nationalsozialismus auf eine persönliche Ebene gebracht. Für die Schüler*innen ist deutlich geworden, wie total die Herrschaft des NS-Regimes den »ganz normalen (Lebensall-)Tag« der Menschen in Besitz nahm.

Im Film-Workshop: »Anne Frank – Ein Buch voller Träume« diskutierten die Schüler*innen ausgehend von der Geschichte Anne Franks und im Film angedeuteter Ausgrenzung, ob und in welcher Form Ausgrenzung heute geschieht. Sie hinterfragten kritisch aktuelle politische Entscheidungen und sprachen über alltäglichen Rassismus in ihrer Lebenswelt. Mit Dilemma-Situationen setzten sich die Gruppen im Workshop »Zivilcourage – Was würdest Du machen?« auseinander. Zunächst thematisierten wir gegenwärtige Formen von Diskriminierung sowie Ausgrenzung und verschiedene Möglichkeiten Zivilcourage zu zeigen. Anschließend tauschten sich die Schüler*innen über vorgegebene Dilemma-Situationen aus und präsentierten Lösungsmöglichkeiten.

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In allen Workshops wurde deutlich, dass Menschen immer Handlungsoptionen haben – damals wie heute – auch wenn wir alle in bestimmten Kontexten agieren. Das Ziel der Workshops war es, Schüler*innen für Rassismus und Diskriminierung in der Gegenwart zu sensibilisieren und ihnen aufzuzeigen, wie sie damit umgehen können. Ebenso haben wir  ihnen auch einen neuen Zugang zur Geschichte des Nationalsozialismus ermöglicht: einen persönlichen und emotionalen Zugang. Es war eine sehr intensive und schöne Zeit in Dorsten. Die Geschichten haben die Schüler*innen sehr getroffen, sodass wir das eine oder andere Mal Tränen trocknen mussten. Mir, Vanessa, ist durch jede einzelne Führung noch deutlicher bewusst geworden, wie wichtig es ist, die Geschichten der Überlebenden zu erzählen und auch die Zeit des Nationalsozialismus zu besprechen. Die Schüler*inne hatten so viele Fragen und es gab so viel Diskussionsbedarf, dass wir am besten gleich einen gesamten Tag oder mehr im JMW hätten verbringen können. Wir waren mit Schüler*innen im Alter von 10 bis 47 Jahren in der Ausstellung. Alle waren betroffen, unglaublich traurig, gerührt und haben mit den Überlebenden gefühlt. Bei vielen zeigte sich auch Wut und Entrüstung. Sie fühlten sich durch das Erzählen der Geschichten mit den Überlebenden verbunden. Einer der jüngsten Schüler erkannte sofort unser Ziel: »Wir werden sozusagen zu  dritten Zeugen. Ihr habt die Zeitzeugen interviewt und als Zweitzeugen die Geschichten an uns weitergegeben. Jetzt können wir die Geschichten auch weitererzählen.«

Wegen dieser einzigartigen und wundervollen Zeit, haben das JMW und HEIMATSUCHER e.V. beschlossen auch in Zukunft zusammenzuarbeiten. Es können weiterhin Workshops im JMW gebucht werden in Kooperation mit uns.

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Was ist HEIMATSUCHER?

Wir von HEIMATSUCHER e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Schulklassen und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu machen. HEIMATSUCHER e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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