Gerda Rosenthal

Gerda Rosenthal wurde 1917 als zweites Kind polnischer Einwanderer in Remscheid geboren. Der Vater besaß dort ein Schuhgeschäft. Mitte der 30er Jahre gelang ihr als Einzige in der Familie mit Hilfe der Organisation ›Kinder- und Jugend-Alijah‹ die Ausreise nach Jerusalem, wo sie in einem Heim der Organisation unterkam. In Israel arbeitete sie später als Kindermädchen.

Ende der 30er Jahre kehrte sie noch einmal mit einem Visum mit einjähriger Laufzeit nach Deutschland zurück, um ihre Eltern zu besuchen. Diese wurden später von den Nationalsozialisten ermordet. Ihr vier Jahre älterer Bruder aber überlebte den Krieg und emigrierte später ebenfalls nach Israel. In Jerusalem lernte Gerda Rosenthal ihren Mann kennen, mit dem sie zwei Kinder hat. Ihr Sohn verstarb in jungen Jahren. Ihre Tochter lebt heute in Amerika, wohin die Familie später auswanderte. Heute lebt Gerda Rosenthal in der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung in Frankfurt am Main.

»Wissen Sie, es war so viel in meinem Leben und da bin ich manchmal selber noch durcheinander!«

Gerda Rosenthal

Das Interview

Gerda Rosenthal ist zu uns herangetreten, nachdem wir unsere Arbeit in der Budge-Stiftung vorgestellt haben. Ich war sofort sehr aufgeregt, weil es mein erstes Interview werden sollte und regelrecht begeistert, als ich erfuhr, dass sie aus Remscheid stammt. Ich bin nämlich Wuppertalerin und Remscheid liegt direkt nebenan.

Gerda Rosenthal hat eine kleine Wohnung in der Budge-Stiftung, einem jüdisch-christlichen Seniorenheim in Frankfurt. In dem Moment, in dem wir ihre Wohnung betreten haben, haben wir fast schon vergessen, dass wir in einem Seniorenheim waren. Im Inneren sieht es aus, wie bei Oma zu Hause; Perserteppiche, Spitzendeckchen und viele, viele Bilderrahmen.

Ich war von Anfang an davon begeistert, wie sehr ich mich mit der jungen Gerda identifizieren konnte. Wie sie zusammen mit ihrer Cousine nach Elberfeld trampte, um das aufregende Stadtleben zu genießen. Wie sie im Alter von nur 17 Jahren alleine nach Palästina ausgewandert ist, in dem gleichen Alter in dem ich zum ersten Mal für längere Zeit ins Ausland gegangen bin.

Gerade weil ich mich selbst so gut mit Gerda Rosenthal identifizieren konnte, war ich umso stärker betroffen, wie sehr ihre Demenz fortgeschritten war. Nach nur kurzer Zeit fingen wir an, uns in den Erzählungen im Kreis zu drehen – einer nicht enden wollenden Schleife, aus der es kein Entrinnen gab. Am Ende des Interviews war ich gefangen in einem Labyrinth aus Geschichten, die nicht ganz zusammen passen wollten, es wohl auch nie wieder tun werden. Doch auch wenn uns inzwischen das ganze Bild abhanden gekommen ist, erzählt doch das Mosaik seine ganz eigene Geschichte. Und auch diese Geschichte ist es wert, gehört, erinnert und weitergegeben zu werden.

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Wir von HEIMATSUCHER e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Schulklassen und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu machen. HEIMATSUCHER e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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