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HEIMATSUCHER in Israel 2018

Am 28. April war es endlich so weit: 13 Ehrenamtliche flogen nach Israel, um in zwölf Tagen einen ersten Eindruck des Landes und seiner Menschen zu erhalten. Außerdem besuchten wir sieben Überlebende (über diese Besuche haben wir hier ausführlich geschrieben) und brachten ihnen die Briefe der Schüler*innen mit, die diese ihnen geschrieben hatten, nachdem sie ihre Lebensgeschichten von uns erzählt bekommen hatten. Um euch einen Eindruck unserer Erlebnisse zu vermitteln, haben wir Tagebuch geführt. Aber wir können euch nur ans Herz legen, selbst nach Israel zu reisen und alles mit eigenen Augen, offenen Ohren und weitem Herzen zu erleben. Viel Spaß beim Lesen!

28. – 29. April 2018 – Die ersten Tage in Tel Aviv

Wir starten unseren Tag mit einem Überblick über die Route, die wir während unserer Israelreise zurücklegen werden, und lernen, dass Landkarten hier auch für politische Haltungen stehen.

Zum ersten Mal gehen wir durch Tel Avivs Straßen. Der Rothschild Boulevard wird uns in den kommenden Tagen Orientierung geben. Der Kaffee an einem der typischen Kioske auf dem Boulevard geht auf Wencke! Vor der Unabhängigkeitshalle stellen wir uns vor, wie Chanoch Mandelbaum einst den Tisch schreinerte, der darin steht. Dann endlich Strand! Und Begegnungen der besonderen Art: Wellenreiter, Hunde, die unsere Taschen zweckentfremden, und ein für uns Europäer ungewohnter Klang – der Muezzin!

Bis wir abends zu unserem ersten gemeinsamen Essen bei Rena (dem Restaurant einer HEIMATSUCHER -Freundin)  zusammenkommen, macht sich jede die Stadt zu eigen.

30. April 2018 – Stadttour durch Tel Aviv

Nachdem Janne am Abend zuvor die grandiose Idee entwickelt hat, sich heute früh den Sonnenaufgang auf der Dachterrasse anzusehen, blicken Franzi, Ida, Janne und ich nun etwas irritiert aus der Wäsche. Irritiert sind wir deshalb, weil wir a) tatsächlich schon vor 6 Uhr aufgestanden sind, und b) nun vor verschlossener Türe stehen. Dachterrassen in Backpacker Hostels sind nicht auf Frühaufsteher vorbereitet. Zwar wird es so nichts mit dem spektakulären Sonnenaufgang über Tel Aviv, aber es ist ja der Wille, der zählt.

Nach dem Frühstück beginnt unser lehrreicher Stadtspaziergang durch Tel Aviv mit unserem Reiseleiter Uriel. Er wird uns in den nächsten Tagen das Land zeigen und all unsere Fragen beantworten. Uri ist ganz in seinem Element, während er uns von Kibbuzim und Bauhausarchitektur erzählt. Unsere Elemente sind vor allem kalter Kaffee, Eis und die dazu passenden Sitzgelegenheiten. Langsam, sehr langsam, nähern wir uns dem Höhepunkt des Tages: dem Essen! Auf dem Weg dorthin machen wir allerdings noch einen kurzen Abstecher zur Wishing-Bridge. Als wir schließlich beim Restaurant unserer Wahl ankommen, stellen wir fest, dass uns entweder Julias Wunsch nach der Wishing-Bridge oder Rebeccas Wunsch nach etwas anderem als Ei-mit-Tomate (DIE Spezialität in Tel Aviv) das Leben gerettet hat. Der Ei-mit-Tomate-Imbiss steht nämlich in Flammen. Julia wird uns ihre Heldentat nie mehr vergessen lassen.

Am Nachmittag erkunden wir schließlich in kleineren Grüppchen die mediterrane Großstadt; dabei gehen ein paar ans Meer und andere lieber shoppen. Schließlich klingt der Abend für einen Großteil von uns gemächlich über den Dächern Tel Avivs aus, während ein kleines Grüppchen von uns den schicken, aber doch sehr jähzornigen Norden kennenlernt

01. Mai 2018 – Caesarea Maritima, Bet Shearim und Yodfat

Heute soll es das erste Mal wirklich auf Reisen gehen, raus aus Tel Aviv und hoch in den Norden Israels. Doch leider macht uns die israelische Mentalität einen kleinen Strich durch die Rechnung. Wegen des enormen Verkehrs in und rund um Tel Aviv starten wir mit Verspätung in einem Kleinbus und einem Pkw. Verena und Uri meistern ihre Aufgabe als Fahrer*innen brillant und bringen uns zu unserem ersten Stopp: Caesarea Maritima. Wobei die Gruppe im Pkw eine Extra-Runde mehr in Tel Aviv dreht und mit einer halben Stunde Verzug eintrifft.

In der recht gut erhaltenen antiken Hafenstadt, die von König Herodes gegründet wurde, stellen Franzi, Julia und Ida ihre schauspielerischen Talente ganz nach dem Motto »Brot und Spiele« unter Beweis. Sonst präsentieren sich dort bekannte Persönlichkeiten: Madonna, Eric Clapton und viele mehr standen bereits auf der Bühne des Caesarea Amphitheater.

Aufgrund der Verzögerungen schaffen wir unser eigentliches Programm leider nicht, Wencke und Uri disponieren jedoch schnell um: Wir besuchen anstelle der Hafenstadt Haifa Bet She’arim eine bedeutende und beeindruckende jüdische Grabstätte mit Sarkophagen und riesigen Grabeshöhlen.

Das Highlight des Tages erreichen wir am frühen Abend, pünktlich zum Sonnenuntergang: unser Nachtlager. Wir werden die nächsten zwei Nächte in einem halb offenen beduinischen Zelt in Yodfat übernachten.

Bei einem sagenhaften Ausblick und bester israelischer Küche empfängt uns der gastfreundliche Ali mit seiner Familie. Wir lauschen gespannt, was Ali über das Leben der Beduinen und ihre Gemeinschaft berichtet. Da das geplante Unterhaltungsprogramm, das Champions-League-Spiel zwischen dem FC Bayern München und Real Madrid, aufgrund von Übertragungsschwierigkeiten ausfällt, springt Alis 11-jähriger Neffe spontan als Allein-Entertainer ein. Er gibt uns prompt die »charmantesten« Spitznamen und wirft mit Komplimenten um sich. »Du hast ja sogar ein Dreifach-Kinn, anstelle eines Doppelkinns!«, um nur eins zu nennen.

Die anschließende Nacht im Zelt ist stürmisch und für die ein oder andere ein buchstäbliches Abenteuer. Doch zum Glück setzt sich unsere Gruppe aus verschiedenen Expert*innen zusammen, um bauliche oder gesundheitliche Unsicherheiten zu klären.

02. Mai 2018 – See Genezareth

Auf dem Plan vom 02. Mai 2018 standen als Tagespunkte christliche Stätten am See Genezareth. Einer unserer Haltepunkte lag im westlichen Teil von Tabgha am Nordwestufer des See Genezareth. Hier steht die Brotvermehrungskirche. Nach dem Matthäusevangelium soll an diesem Ort die Brot- und Fischvermehrung bei der Speisung der Fünftausend stattgefunden haben. Es gilt als eines der Wunder Jesu.

Nach zwei Vorgängerbauten aus dem 4. und 5. Jahrhundert wurde im Jahr 1982 an dieser Stelle die römisch-katholische Brotvermehrungskirche erbaut. Betreut wird sie von dem Orden der Benediktiner.

Mit auf dem Gelände befindet sich eine Behinderten- und Jugendbegegnungsstätte. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, jüdische und palästinensische Jugendliche mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen zusammenzuführen. Hierfür stehen ihnen Gästehäuser, eine behindertengerechte Parkanlage sowie gemeinschaftliche Küchen zur Verfügung. Im Rahmen eines Gesprächs mit einer Freiwilligen aus Deutschland, war es spannend, viele Hintergrundinformationen zu diesen Jugendbegegnungen zu bekommen.

Nach einer kurzen Mittagspause ging es weiter nach Tel Dan, einem Nationalpark und Naturreservat im Norden Israels. Überreste von Bauten einer Stadt, die aus der frühen kanaanitischen Zeit (2700 v. Chr.) stammen, aber bis in die römische Zeit bewohnt wurde. So finden sich auf dem Gelände Spuren des Lebens aus unterschiedlichen Zeiten. Diese Besiedlung hängt eng mit den Quellen des Flusses Dan zusammen, einer der drei Quellflüsse des Jordan. Dieser Wasserreichtum dieser Gegend führte 1964 zu dem sogenannten »Wasserkrieg« zwischen Israel und Syrien. Seit der Grenzziehung von 1923 zwischen dem britischen Völkerbundsmandat für Palästina und dem für Syrien und Libanon, befanden sich die Dan-Quellen auf britischem Mandatsgebiet. Doch auch Syrien erhob Anspruch auf die Quellen. Es wurde im 400 Meter entfernten Dorf Nohila ein Militärpotsen angelegt. Israel befestigte Patrouillenstraßen an der Nordflanke des Tels. 1974 wurde das Gebiet des Tel Dan zum Naturreservat erklärt. Israel, das weiterhin die Hoheit über diese Quelle hat, entnimmt Wasser für die Versorung der Bevölkerung weiter flussabwärts und ermöglicht somit das Naturschutzgebiet.

Der Konfklikt mit Syrien blieb mit den Golanhöhen an diesem Tag ein bestimmendes Thema. Die Golanhöhen sind international als Teil Syriens anerkannt, befinden sich jedoch seit 1967 (Sechstagekrieg) unter israelischer Kontrolle. Diese Annexion wird von den meisten Staaten nicht anerkannt. Bis auf die Drusen, die in einer realtiv friedlichen Beziehung zu der jüdischen Bevölkerung standen, wurden rund 120.000 arabische Bewohner*innen aus dem Gebiet vertrieben. Noch heute sind die Golanhöhen ein wichtiger Aspekt, der Friedensverhandlungen entgegen steht.

Der Tag fand seinen Ausklang mit einem Abendessen in Yodfat.

03. Mai 2018 – »Die spinnen, die Deutschen!« (Fahrt von Yodfat nach Mitzpe Ramon)

Vielleicht ist es die Vorfreude auf eine Nacht unter einem festen Dach oder auf eine warme Dusche, die uns schon früh morgens antreibt. Wir starten fast pünktlich auf die längste Strecke unserer Reise. Doch schon nach wenigen Kilometern der erste Stopp. An einer Tankstelle stärken wir uns mit eiskaltem Kaffee für unsere fast 370 km lange Reise aus dem Norden in die Wüste ganz im Süden von Israel. Mit Koffein versorgt performen wir zu unserem neuen Lieblingsradiosender Gal Galatz  »Time of my life« im Auto und entgehen ein paar Mal nur knapp dem Tod, weil Israelis oft nicht blinken, wenn sie abbiegen (»Die spinnen, die Israelis!«). Am Vormittag beobachten wir, wie aus grünen Hügeln langsam steinige Felsen werden, und begeistern (oder verwirren) später die anderen Badegäste am Toten Meer mit unserem improvisierten Wasserballett–Auftritt.

Frisch geduscht und mit einem Eis(kaffee) gegen die Wüstenhitze versorgt, geht es vom Toten Meer zur Masada. Die Festung, die 400 m über dem Toten Meer thront, ist der letzte Rückzugsort des jüdischen Widerstands ca. 70 n.Chr., lernen wir von Uri. Er erzählt uns auch, dass die Festung uneinnehmbar war, bis die Römer eine Rampe zur Festung aufschütteten (»Die spinnen, die Römer!«). Die Masada hatte nach ihrer Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert einen großen Einfluss auf das Selbstverständnis der israelischen Streitkräfte. Unter dem Motto »Masada darf nie wieder fallen« wurden Soldaten nach der Grundausbildung hier, mitten in der Wüste, vereidigt. Heute ist die Festung ein Teil des Nationalparks und eine Touristenattraktion. Auch wir genießen die touristischen Vorzüge und lassen uns mit der Gondel auf den und vom Berg fahren.

Vom Fuß der Masada quält sich nun wieder unser Auto, auf dem letzten Stück der Reise, aus dem Jordangraben. Auf dem Weg sehen wir die ersten Kamele und beobachten waghalsige Überholmanöver, bevor wir alle gemeinsam den Tag mit einem Abendessen in unserem neuen Zuhause auf Zeit, in Mitzpe Ramon, ausklingen lassen.

04. Mai 2018 – Die Wüste des Schweigens

Wenn die Truppe der HEIMATSUCHER ohne Frühstück bereits um 06:30 Uhr freiwillig das Haus verlässt, um ein neues Abenteuer anzugehen, dann heißt das: Ausflug in die Wüste!

Ganz in der Nähe unseres Airbnb-Hauses in Mitzpe Ramon beginnt die Wanderung in der Negev-Wüste durch den Ramon Krater, den größten Erosionskrater der Welt.

Reiseleiter Uri nutzt die Chance, seinen lebhaften »Spice Girls« etwas zu entfliehen und begründet seinen nun folgenden Vorschlag auf historische und linguistische Fakten: Wir sollen (zumindest bis zum Frühstück) schweigen. Da das Wort »Wüste« auf Hebräisch mit dem Wort für »reden« eng verwandt ist, sollen wir statt den permanenten Dialog mit uns nun die Kommunikation zur Natur, Gott oder dem Universum suchen.

Tatsächlich können wir uns (meist) an Uris Vorgabe halten. Die dauerhafte Stille und die einsame Weite der Wüste sind berührend und aufwühlend. Man kann sich nun vorstellen, wieso Religionen die Wüste als Ort für Gottesbegegnungen aufgreifen. Trotz Steinstauballergie kommen auch die weniger Fitten ohne Hitzschlag schon nach ca. 3,5 Stunden am Bus an – vor allem auch dank der sich an dem Tag sehr zurückhaltenden Sonne.

Nach einer liebgewonnenen Eiskaffee-an-der-Tankstelle-Tradition reisen wir weiter zu den Gräbern von Staatsgründer David Ben Gurion und seiner Frau Paula in der Nähe des Kibbuz Sde Boker. Neben einem gigantischen Ausblick über die von Gurion sehr geliebte Wüste, finden wir auch sehr fotogene Ziegen.

Bei der zweiten Wanderung des Tages spazieren wir durch den En Avdat Nationalpark in der Wüste Zin. Wasser hat hier über Jahrtausende eine tiefe, breite Schlucht in das Kalkgestein geschnitten und wir sind auch jetzt überwältigt von der Schönheit des Wadis, auch wenn wir hier nicht mehr ganz so allein sind wie am Morgen. Sportlich, lässig und schwindelfrei erklimmen wir im Nu die sehr, sehr vielen Treppen. Unser fleißiges Wüstenwandern beschert uns bereits um 15 Uhr einen »Feierabend«, und neben Powernapping, endlich wieder Geschichten-Austauschen und gemeinsamem Curry-Kochen passiert heute nicht mehr viel. Ist ja auch mal schön!

05. Mai 2018 – Von Mitzpe Ramon nach Jerusalem

Nach einem leckeren Frühstück und einem Putzmarathon im Haus verabschieden wir uns gegen 8:00 Uhr von der Wüste und machen uns auf in Richtung Jerusalem. Auf der Fahrt werden von Uri diverse hebräische Nachrichten übersetzt, wir sehen Kamele und kaufen uns einen Eiskaffee an einer Raststätte. In Jerusalem wartet herrliches Wetter und eine Stadtführung auf uns. Nachdem wir einem Posaune spielenden Mann zugesehen und Geld abgehoben haben, ist das erste Ziel der Basar. Noch nie haben wir so viele verschiedene Räucherstäbchen gesehen. In der Nähe des Basars essen wir ein Falafel-Sandwich, um gestärkt die Grabeskirche zu besuchen. Diese ist in mehrere, verschiedene Abschnitte eingeteilt (z.B. griechisch-orthodox, römisch-katholisch, armenisch-apostolisch). Die Kirche ist voll mit Menschen diverser Konfessionen. Wir werden von einer Reiseleiterin mit Klobürste in der Hand von unserem Platz vertrieben. Uri findet trotzdem einen Ort zum Reden und erklärt uns anschaulich die Kirchenspaltung. Er fragt, ob zuerst der Heilige Geist, der Sohn oder der Vater da war und ob Maria die Mutter Gottes oder Jesus ist. In der Gruppe gibt es Unstimmigkeiten. Durch die Einberufung verschiedener Konzile und diese Uneinigkeiten wurde die Kirche gespalten.

Mit neuem Wissen laufen wir dann zum Zionstor, bei dem man sogar noch die Einschusslöcher aus dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 sehen kann. Das war sehr interessant.

Danach führt uns Uri zum Saal des letzten Abendmahls. Dort befindet sich unten das Grab König Davids (heute eine Synagoge), weshalb die Gedenkstätte wichtig für jüdische Menschen ist. In der Mitte ist der Abendmahlsaal und deshalb wichtig für die Christen. Oben ist das Grab des Propheten Davids (heutige Moschee) und deshalb wichtig für Muslime. Auf einem Parkplatz ganz in der Nähe suchen wir dann die Statue König Davids, finden sie aber leider nicht.

Am Fuße des Tempelbergs dichten wir den Schlager ”1000 Mal« um und stehen kurz darauf vor der Klagemauer. Nach einem kurzen Aufenthalt steigen wir müde ins Auto. Beim Hostel angekommen verstauen wir unser Gepäck und suchen uns einen leckeren Burgerladen in der Innenstadt. Der ganze Tag war sehr beeindruckend und wir haben viele, viele neue Eindrücke gewonnen. Danke dafür!

06. Mai 2018 – Yad Vashem

Heute ist der erste Tag in Israel, an dem wir uns intensiv mit dem Thema Holocaust auseinandersetzen. Wir besuchen die Gedenkstätte Yad Vashem. Dort gibt es eine umfangreiche Ausstellung, beginnend mit dem Leben der Jüd*innen vor 1933 bis hin zur Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948. Natürlich leitet uns der beste Reiseleiter Uri durch diese Ausstellung. Schon bei der ersten Videoinstallation wird es sehr emotional. Es ist ein Zusammenschnitt von Videos, die das jüdische Leben vor ´33 zeigen. Schlittschuhlaufen, Musik machen, Familienfeste, Singen, Tanzen usw.. All dem kehrt man den Rücken zu, der Teppichboden weicht hartem Beton und man läuft ein Stück bergab, denn ab dem Jahre ´33 ging es für die Jüd*innen in Europa stetig bergab.

Nach dieser Beschreibung von Uri bekommen wir eine Gänsehaut und haben Tränen in den Augen. Ich atme einmal tief durch und begebe mich dann mit den anderen immer weiter in die Ausstellung hinein. Es ist sehr voll, aber Uri weiß, wie man sich gegenüber anderen Gruppen durchsetzen muss, und so finden wir immer wieder Orte, um kurz innezuhalten und dem zu lauschen, was Uri uns erzählt. Vieles ist uns schon bekannt, wie die Deportationen abliefen, wie das Lagerleben war, wie die Menschen systematisch umgebracht wurden. Doch die Bilder und die persönlichen Geschichten treffen einen immer wieder aufs Neue mitten ins Herz. Besonders ein Zitat eines Jungen hat mich den ganzen Tag nicht mehr losgelassen: »When I grow up and get to be twenty I’ll travel and see this world of plenty. In a bird with an engine I will sit myself down, take off and fly into space, far above the ground. I’ll fly, I’ll cruise and soar up high above a world so lovely. Into the sky….« Der Junge heißt Abramek Koplowicz und er wurde mit gerade einmal 14 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht. Diese Hoffnung, eines Tages wieder ein normales Leben führen zu können, macht mich traurig, da dies Millionen Menschen verwehrt wurde. Immer wieder tritt man von den Ausstellungsräumen in den Mittelgang, schaut zurück auf das Video des Lebens vor ´33 und weiß, dass man nie wieder in diese Zeit zurückkehren kann!

Nach dem Besuch der Ausstellung hatten wir noch ein Treffen mit Deborah Hartmann, die als Leiterin des German Department bei Yad Vashem arbeitet. Nach einem anregenden Gespräch war sie sehr interessiert an unserer Arbeit und so werden wir im Austausch bleiben.

07. Mai 2018 – Besuch bei AMCHA

Der freie Vormittag wurde von allen ganz unterschiedlich genutzt. Ein Teil der Gruppe besuchte eine Synagoge, ein Teil war noch mal in Yad Vashem und ein Teil hat einfach die Zeit für einen gemütlichen Stadtbummel durch Jerusalem genutzt.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen hatten wir einen Termin mit Martin Auerbach, dem klinischen Leiter von AMCHA. Zuerst wollte er uns erstmal kennenlernen und wissen, wie wir heißen und was für Fragen wir haben. Dann hat er uns ein paar Fragen zu HEIMATSUCHER gestellt und wollte wissen, wie wir arbeiten.

Daraus hat sich ein sehr spannendes Gespräch entwickelt, aus dem wir viel für unsere Arbeit mitgenommen haben. Wir haben darüber gesprochen, was es bedeutet, eine traumatische Erfahrung zu machen, und wie Menschen lernen können, sich wieder in ihrem Leben zurechtzufinden.

08. Mai 2018 – »Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts« (Willy Brandt)

Dies ist das Leitmotiv des Willy Brandt Centers Jerusalem. An diesem denkwürdigen Datum haben wir Mitarbeiter*innen des WBC Jerusalem getroffen und uns über unsere Arbeit ausgetauscht.

Wie bei uns geht es im WBC darum, Begegnungen zu ermöglichen: Es bietet einen Raum, damit sich junge Menschen, sei es aus Jerusalem, Palästina oder der gesamten Welt, treffen können. Sie können in Projekten zu Politik, Bildung und Kultur gemeinsam arbeiten und sich kennenlernen. Die Begegnung, das gemeinsame Arbeiten und Kennenlernen versucht die Grenzen der politischen Konflikte und Vorurteile zu überwinden und so einen Schritt Richtung Frieden und Solidarität zu gehen. Dass dieses Vorhaben nicht immer einfach ist und von sehr aufreibenden, aber auch mitunter skurrilen, teilweise sehr lustigen und bewegenden Situationen gesäumt wird, haben uns Judith, Petra und Michelle vom WBC erzählt.

Nach einem tollen Gespräch bei Kaffee und Keksen sind wir mit vielen neuen Gedanken und Ideen zurück in die Innenstadt Jerusalems gefahren, denn Elisheva, Chanoch, Hannah und Israel warteten schon auf uns!

09. Mai 2018 – Abreise

Die Zeit in Israel ist wie im Flug vergangen. Wir nehmen emotionale Momente, bewegende Erlebnisse und Begegnungen, tiefe Dankbarkeit und neue Freundschaften mit nach Deutschland und wissen eins sicher: Wir kommen wieder! Ein ganz herzliches Danke geht an dieser Stelle an unseren Guide Uri, der keine Frage unbeantwortet ließ, und an die wundervolle Wencke, die diese Reise organisiert hat. Tausend Dank euch beiden!