Ilonka Lady of Camster

Anders als die meisten Zeitzeugen erlebte Sie die Schoah in ihrer frühsten Kindheit. 1942 wurde Ilonka Lady of Camster in Polen geboren. Sie kam bereits mit drei Jahren in das KZ Stutthof, überlebte Auschwitz und einen Todesmarsch. Doch an all das erinnerte sich Lady Ilonka lange Zeit nicht, bis sie weit nach der Kriegszeit in einer Supervision plötzlich verstörende Bilder vor Augen hatte und so die Erinnerungen zurückkamen. Seitdem kann sie sich viele ihrer bis dato gemalten Bilder erklären und führt auch Krankheiten auf die Erlebnisse während der Schoah zurück, in der sie unter anderem missbraucht wurde. Nach dem Krieg erlebte Lady Ilonka Ausgrenzung und viele Hürden. Trotzdem gelang es ihr ein Studium der Germanistik abzuschließen, darin zu promovieren und eine Therapeutenausbildung anzuschließen. Heute lebt sie in Frankfurt und betreibt eine eigene Therapiepraxis, in der sie vor allem auf Transgender spezialisiert ist und sozial für benachteiligte Menschen eintritt.

»Ich weiß, dass ich immer in der Natur Trost gesucht habe – in Sonnenblumen, Mohnblumen, ja, Kapuzinerkresse. Das sind so die Sachen, wo ich den Trost gefunden habe. Durch die Sonne − und − mir ist schon ganz elend eigentlich, wenn ich so daran denke, was dahintersteckt, dass ich so viel Trost brauchte.«

Ilonka Lady of Camster

Das Interview

Aufgeregt stolpern wir in die Praxis von Ilonka Lady of Camster in Frankfurt. Heute treffen wir zum ersten Mal auf eine Frau, die die Schoah als Kleinkind überlebte und uns davon berichten wird. Wir treten über die Türschwelle und Ilonka bittet uns noch einen Moment in der Küche Platz zu nehmen, da sie im Abschluss einer Therapiestunde mit einer Patientin steckt. Wer sich nun eine sterile, weiße Praxis vorstellt, täuscht sich. Wir haben weniger das Gefühl in Praxisräumen zu stehen, sondern in der Privatwohnung einer Person, die schon viel herumgekommen ist und von jedem Fleck der Erde eine Erinnerung mitgebracht hat. Neugierig betrachten wir die vielen Bilder und Gegenstände im Raum, als sich die Praxistür öffnet und wir noch aus dem Augenwinkel eine große Person mit grell-blonder Perücke und Minirock die Praxis verlassen sehen. Eine Transsexuelle, die Ilonka wie auch viele andere therapiert.

Ilonka begrüßt uns herzlich und in ihrem Praxisraum überschlägt uns die Faszination. Überall stehen Dinge Bilder und Zeichnungen Figuren aus Afrika, aus dem Orient, Kuscheltiere vom Jahrmarkt Blumen – echte und unechte Möbelstücke, die völlig durcheinander gewürfelt scheinen und doch ein wunderbares Bild ergeben. Wir dürfen Platz nehmen und räumen uns diesen erst einmal von Gegenständen frei. Und da ist sie: Ilonka Lady of Camster. Eine Frau, deren Erscheinung sogar noch spannender ist als die der Wohnung. Sie hat gefärbtes Haar, gezeichnete Augenbrauen, einen intensiven Blick. Wir unterhalten uns erst über die verschiedenen Stücke im Raum, lernen uns kennen und beginnen dann das Interview. Für uns erst einmal eine Herausforderung, denn während bei unseren vorherigen Interviews mit Überlebenden der Schoah die ersten Fragen nach der Kindheit in der Regel immer noch schöne Erinnerungen an eine gute Zeit mit der geliebten Familie hervorbringen, ist die Frage nach Ilonkas Kindheit die, die direkt in das schlimmstes und schmerzhaftestes Kapitel ihres Lebens zielt. Wir brauchen heute einen längeren Moment, um das richtige Tempo zu finden. Doch Ilonka zeigt sich offen, verständnisvoll und geduldig in ihren Antworten. Sie antwortet auf jede unserer Fragen. Sie erzählt uns von Brieffreundschaften und zeigt uns Briefe und Worte, die ihr viel bedeuten. Dafür holt sie aus den Tiefen des Raums alte Schachteln hervor, um uns bedeutende Stücke zu zeigen. Sie setzt sich zwischenzeitig auch an ihren Computer und weist uns auf verschiedene E-Mails hin und zeigt uns Fotos.

Ein ganz besonderer Moment ist der, als Ilonka uns Bilder und Zeichnungen zeigt, die wir noch nicht aus einer Publikation ihrer Zeichnungen kennen. Es sind die Abbildungen von schrecklichen Momenten, die Ilonka im KZ Stutthof sehen und erleben musste. Es fällt uns zeitweise sehr schwer die Fassung zu bewahren. Nicht zu laut zu erschrecken, wenn sie uns zeigt, was sie selbst erlebte. Nach vielen Stunden stolpern wir wieder aus ihrer Praxis und dieser Abend ist lang. Noch lange sprechen wir darüber, was wir heute von Ilonka erfuhren und wir sprechen über Ilonka selbst. Von dieser Frau, die uns so schwer beeindruckte und uns zeigte, wie oft im Leben man die Kraft zum Aufstehen fassen kann. Wir sind überwältigt und es tut uns einfach leid, dass es Menschen wie Ilonka gibt, die so viele harte Rückschläge und Verletzungen erleiden. Sich in Bildern auszudrücken und vor Allem anderen zu helfen ist Ilonkas persönliche Therapie. Damit gibt sie anderen Menschen Mut – wie auch uns.

» Fragen? Schreib Ilonkas Zweitzeugen Lukas.

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