Interviews in Israel: Grete Hamburg und Herta Goldman

Ende Oktober reisten drei HEIMATSUCHER-Ehrenamtliche zusammen mit drei Engagierten der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm aus Hamburg nach Israel. Unser gemeinsames Ziel war es zwei Überlebende zu interviewen.

Gespräch mit Grete Hamburg in Tel Aviv

In Kooperation mit der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm aus Hamburg trafen wir Grete Hamburg auf einer Verkehrsinsel mitten in Tel Aviv, auf der es so laut war, dass Begrüßung und Vorstellung unmöglich waren. Keine 200 Meter weiter liegt das Szenerestaurant Magazzino, in dem wir von Grete und ihrer Tochter Daniela zum Business Lunch eingeladen wurden, um das morgen stattfindende Interview zu besprechen.

Wir, das sind Wiebke, Janika und ich, waren vom 28.10. bis 02.11.2019 für HEIMATSUCHER e.V. in Israel, um Grete Hamburg, geborene Jungleib in Tel Aviv zu interviewen. Sie hat mit ihrer Mutter das KZ Auschwitz überlebt und ist später nach Israel ausgewandert. Das Schicksal ihres Bruders Walter, der Ende 1944 von der Familie getrennt und aus Auschwitz mit unbekanntem Ziel abtransportiert wurde, war Grete bis vor ein paar Jahren unbekannt, bis die Vereinigung „Kinder vom Bullenhuser Damm“ aus Hamburg-Rothenburgsort sein Schicksal ermitteln konnte. Ein Buchstabendreher und ein falsch angegebenes Mutterland. Und darüber wollten wir in Begleitung von Nicole, Stela und Merle aus Hamburg, die gemeinsam mit uns von Berlin nach Tel Aviv geflogen sind, mit Grete sprechen. 

Fotos © Björn Helpap: Grete Hamburg und Wiebke (von HEIMATSUCHER e.V.); Portrait von Grete Hamburg

Wir durften eine lebenskluge, leise Dame mit einer warmen, weichen Stimme und sehr intensiv blickenden Augen kennenlernen, die es sich nicht nehmen ließ, uns am Bahnhof abzuholen und die sich gut auf das Interview vorbereitet hatte. Die Gastfreundschaft, mit der wir nach dem Interview von ihr und ihrer Familie bedacht wurden, war für uns auch deswegen so überwältigend, weil sie sich bis 2015 geweigert hatte, jemals wieder nach Deutschland zu reisen. Und nun war der Tisch gedeckt, wir wurden zur Begrüßung umarmt und beschenkt und gleich noch zum Schabbat-Essen am kommenden Freitag eingeladen. So viel Wärme und Zuneigung von Grete erleben zu dürfen, dafür sind wir alle sehr dankbar und können bei all dem Schönen das unfassbare Schicksal ihrer ganzen Familie nicht begreifen.

Interview mit Herta Goldman in Tel Aviv-Holon

2 Tage später ging es in den ruhigeren Stadtteil Holon, um Herta Goldman zu besuchen, die 1928 in Zablatch bei Schwarzwasser in Schlesien geboren  und im elterlichen Geschäft eine schöne Kindheit erlebte, bis die Deutschen das Land besetzten und die Familie schließlich auseinandergerissen wurde.  

Ihre Aufenthalte in verschiedenen Lagern und letztlich der Todesmarsch, bei dem sie im Ort Gassen fliehen konnte und so überlebt hat, schildert sie uns gestisch und mimisch sehr intensiv und emotional. Später ist sie nach Israel ausgewandert und war beim Militär, die verschiedenen Auszeichnungen bekommen wir später in ihrem Arbeitszimmer zu sehen – wo sie auch ihren Facebook-Account pflegt.

Wir sitzen einer kleinen Dame gegenüber, deren Augen blitzen und uns drei während des Interviews immer im Blick hat. Ihre Sprache gibt uns etwas, was heute sehr selten ist: Wir dürfen ihr aus der Vergangenheit in die Jetztzeit hinüber gerettetes Deutsch mit jiddischem Einschlag genießen, es klingt wunderschön.

Und auch bei diesem Interview wird die Gastfreundschaft gepflegt, die Pflegerin, mit der Herta gemeinsam in der großen Wohnung lebt, versorgt uns mit frischer israelischer Mango (ein Gedicht!), Kaffee, Keksen und Kuchen.

Wir werden alles tun, um die Geschichte von Herta zu bewahren und weiter zu tragen.

Fotos © Björn Helpap: Portrait Herta Goldman; Herta mit Janika (von HEIMATSUCHER e.V.) und zwei Schülerinnen der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm; Herta mit Wiebke (von HEIMATSUCHER e.V.)

Hinweis: Die Interviews in Israel haben wir zusammen mit der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V. organisiert und durchgeführt. Wir danken der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und allen privaten Spender*innen für die unglaubliche Unterstützung: Danke Euch allen!

This form type is not available for selected form

Was ist HEIMATSUCHER?

Wir von HEIMATSUCHER e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Schulklassen und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu machen. HEIMATSUCHER e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

Du möchtest unser Projekte gerne unterstützen?

Es gibt viele Wege uns zu helfen und eine tolerante Gesellschaft mitzugestalten: Hilf uns

Spenden