Leslie Schwartz

Am 12.01.1930 in Ungarn als Laszlo Schwartz geboren, verlor er schon im Alter von acht Jahren seinen Vater. Seine Mutter heiratete zwar wieder, jedoch konnte Leslie den Verlust seines Vaters nie überwinden. Ab 1940 konnte er nicht mehr zur Schule gehen, da die jüdische Schule geschlossen worden waren. So war er gezwungen, als Jude in eine katholische Schule zu gehen.

Als die Deutsche Wehrmacht im Jahr 1944 Ungarn besetzte, wurden Leslie, seine Eltern und seine beiden Schwestern aus ihrer Heimatstadt Baktalórántháza vertrieben und ins Ghetto Kisvarda gebracht. Nur einen Monat später wurden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. An der Rampe des Konzentrationslagers sah Leslie seine Mutter und seine Schwestern das letzte Mal. Für ihn selber folgen Monate der Zwangsarbeit in Auschwitz-Birkenau, Dachau und in Mühldorf an der Inn.

Während seines Aufenthaltes in einem Displaced Persons Lager erfuhr er, dass seine gesamte Familie ermordet worden war. So wanderte er in die USA aus und begann ein neues Leben. Er heiratete, bekam einen Sohn und besaß schließlich eine eigene Druckerei. Heute hält er regelmäßig Vorträge in Deutschland und den USA, führt Zeitzeugengespräche und besucht Schulen.

»Man kann Glauben nicht erzwingen. Und ich Glaube, dass wenn wir an Gott Glauben, dass wir auch verpflichtet sind, an den nächsten als ein Geschöpf Gottes zu glauben. Mit all seinen Fehlern und mit all seinen Schwächen.«


geboren 1930 in Ungarn, lebt heute in den USA

Das Interview

Leslie Schwartz habe ich im April 2016 getroffen. Wir standen jedoch schon seit September 2015 in Kontakt. Es hatte sich eine moderne Brieffreundschaft zwischen uns entwickelt. Ich freute mich jedes Mal, wenn ich eine neue E-Mail von ihm aus den USA bekam, in der er mir schrieb, wie sein vorangegangener Vortrag war oder wie sehr er sich auf seinen nächsten Schulbesuch freue. Als dann endlich der Tag gekommen war, an dem wir uns in persona kennenlernen sollten, war ich unglaublich gespannt und aufgeregt. Ich wurde ganz und gar nicht enttäuscht: Leslie und seine Frau begrüßten mich, als würden wir uns schon lange kennen. Sie hatten vier andere ehrenamtliche Mitarbeiter*innen von HEIMATSUCHER e.V. und mich zu sich nach Hause eingeladen. Für mich war es ein bisschen so, als wäre ich zu Kaffee und Kuchen bei meinen Großeltern.

Leslie hat von seinem Aufenthalt in den USA erzählt, Zeitungsausschnitte über ihn gezeigt und Fotos seiner berühmten Verwandtschaft. Besonders stolz schien er auf seine Begegnung mit Angela Merkel zu sein, bei der ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen worden war. Ich habe gemerkt, wie sehr er es genoss, mit Fragen bestürmt zu werden und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Dass er immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist für mich keine Überraschung, denn Leslie hatte uns alle schnell mit seiner charismatischen und charmanten Art um den kleinen Finger gewickelt. Vor Freude strahlend erzählt er mir von den Schüler*innen, die ihn umarmen und Fotos mit ihm machen wollen. Er sagte, die Liebe, die ihm die Schüler*innen entgegenbrächten, sei für ihn das Mittel zur Heilung. Die Heilung von den Grauen der Schoah, die er erlebt hat. Nie werde ich vergessen, wie er mir von dem Moment erzählt hat, als er seine Mutter und seine Schwester das letzte Mal sah: an der Rampe in Auschwitz-Birkenau. Für mich war die Erzählung kaum zu ertragen.

Leslie Schwartz ist ein Mensch von unglaublicher Stärke, Mut und Lebenswillen, dass er dies alles ertragen hat und es heute mit so vielen Menschen immer und immer wieder teilt. Kurze Zeit nach dem Interview habe ich ihn mit Schüler*innen erlebt: Auch sie hatte er sofort in seinen Bann gezogen und beantwortete jede noch so persönliche Frage geduldig.

Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch vielen Kindern und Jugendlichen von diesem großartigen und mutigen Mann und seiner einzigartigen Überlebensgeschichte erzählen werde!

Autorin: Vanessa Eisenhardt

» Fragen? Schreib Leslie Schwartz Zweitzeugin Vanessa.

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