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Tage des Erinnerns

»Man muss immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.«

Nach mehreren Tagen von Gedenkveranstaltungen und Dialogen, ist dieses Zitat von Elie Wiesel das, was bei mir am stärksten im Kopf bleibt und das schon lange mein Herz erreicht hat.  Es ist so wichtig und richtig, dass wir erinnern, nicht nur um dem Vergessen entgegenzuwirken, sondern auch, um uns bewusst zu werden, wie wichtig es ist hinzuschauen, laut zu sein und zu handeln. Ganz konkret im Hier und Jetzt.

Die letzten Tage zeigten mir erneut wie einfühlsam und unterschiedlich Erinnerung gestaltet werden kann. Am Freitag, dem 27. Januar, genau 72 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, gedachten weltweit Menschen den Opfern des Nationalsozialismus. Auch wir HEIMATSUCHER widmeten uns diesem Tag über verschiedene Wege.

Martin Luther Forum
Filmvorführung im Martin Luther Forum

Am Abend gipfelte es bei uns in einer Gedenkveranstaltung im Martin Luther Forum Ruhr in Gladbeck – Ort des Dialogs über Reformation, Politik, Glauben und Wandel.

Ein Wiedersehen

Es war nicht unser erster Besuch im Martin Luther Forum Ruhr. Genau vor vier Jahren stellten wir unsere Ausstellung in den Räumlichkeiten des Forums aus. Zwei Wochen lang erinnerten wir damals mit Kindern und Jugendlichen, Freund*innen, alten und neuen Bekannten. Und es bildeten sich Freundschaften. So zum Beispiel zu  Cay Süberkrüb, Landrat des Kreis Recklinghausen sowie zu Dr. Martin Grimm und dem gesamten Team des Martin Luther Forums Ruhr, die uns auch am heutigen Tage eng zur Seite stehen und dieses Format des Gedenkens ermöglichen.

Freundschaft ist das richtige Stichwort, bezogen auf das, was wir dem Publikum am Tag des Erinnerns präsentierten. Wir führten unseren Film »Auf gute Nachbarschaft« vor, der die außergewöhnliche Begegnung und in Freundschaft endende Beziehung von Siegmund Pluznik und Carlo Lietz dokumentiert. Ungewöhnlich deswegen, weil es zur Zeit des Nationalsozialismus, in der sie aufwuchsen, unvorstellbar gewesen wäre, dass die beiden überhaupt einmal miteinander reden würden. Der jüdische Überlebende Siegmund erlebte schon früh am eigenen Leib Vertreibung, Verfolgung und Gewalt und überlebte nur durch Flucht und Widerstand. Carlo Lietz hingegen wuchs unter nationalsozialistischer Diktatur auf, trat der NSDAP bei, zweifelte dann aber immer mehr am Regime und ihrer Propaganda, bis er dann 1943 die Entscheidung fällte, zu desertieren. Eine Entscheidung für die Menschlichkeit, wie sie viel zu Wenige getroffen haben.

Eine schicksalhafte Begegnung

Es sind zwei Männer, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten, die sich aber heute, wie viele andere ihrer Generation, in Seniorenheimen auf engem Raum wiedertreffen. In ihrem Fall aber nicht in irgendeinem Seniorenheim, sondern in der Senioren-Wohnanlage der Henry und Emma-Budge-Stiftung in Frankfurt. Hier wird jüdisches Leben mit allen jüdischen Ritualen, Traditionen und Gottesdiensten neben den anderen Religionen aktiv gelebt. Der Film zeigt, wie sich Siegmund und Carlo intensiv über ihre Erlebnisse austauschen, gemeinsam erinnern und eben das tun, was auch wir tun sollten: Offen und vorurteilsfrei aufeinander zugehen, miteinander sprechen und Nähe zulassen. Auch mit dieser Begegnung leistet Siegmund seinen immer fortwährenden Widerstand. In diesem Fall seinen Widerstand gegen den Keil, den die Nazis zwischen Beziehungen wie diese treiben wollten.

Ein besonderes Highlight des Gedenkabends war der persönliche Besuch von Michael Jung, Sohn des leider mittlerweile verstorbenen Siegmund Pluznik. Durch seine Erinnerungen an seinen Vater und das Einbringen seiner Sichtweisen bereicherte er die Podiumsdiskussion und den Abend ungemein. Unsere Filmemacherinnen Sarah, Simone und Eva wurden außerdem vom Publikum mit Fragen zur Entstehung und den Hintergründen des Films gelöchert.  Das Ganze wurde musikalisch begleitet von Coline Hardelauf und Pascal Schweren, die die Texte und Lieder der beiden Holocaust-Überlebenden Ilse Weber und Norbert Glanzberg weitergeben und somit ihre eigene, sehr einfühlsame Form der Erinnerung gefunden haben.

Formen der Erinnerung

Am heutigen Abend (2. Februar) stellte sich uns ein weiteres Format dar. Nachdem wir im Dezember Interviewgäste von Moderator Andreas Bönte in der Sendung des Bayrischen Rundfunks »nacht:sicht« sein konnten, durften wir nun die Aufzeichnung der »Gespräche gegen das Vergessen« live miterleben. Mittlerweile jährlich organisiert der BR im Volkstheater München Erinnerungsformate für Kinder und Jugendliche, die sich tagsüber mit dem Nationalsozialismus und einem Schwerpunktthema der Verfolgung beschäftigen. In diesem Jahr ging es um den Völkermord an Sinti und Roma während des Nationalsozialismus.

Diesen Tag und das Thema aufgreifend, erinnert Andreas Bönte anschließend zusammen mit imposanten Gästen an die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus (Ausstrahlung am 19. Februar bei ARD alpha). Es sind Gespräche, die unter die Haut gehen – mich wieder einmal in Fassungslosigkeit erstarren lassen. So zum Beispiel, als der Überlebende Hermann Höllenreiner von seiner Deportation erzählt, von Auschwitz, weiteren schrecklichen Konzentrationslagern und schließlich davon, wie er den Todesmarsch überlebte. Er zeigt seine tätowierte Nummer auf dem Arm – mit einem »Z« davor, die ihn für die Nazis als »Zigeuner«  kennzeichnete.

Josef Mengele

Auch erzählt er von Josef Mengele, dem für seine Grausamkeit und Menschenexperimente bekannten Lagerarzt in Auschwitz. Höllenreiner erzählt, wie er Gläser mit menschlichen Substanzen für Mengele wegstellen musste und davon, wie Mengele mit Kindern umging. Er habe »immer laut gelacht – so laut gelacht. Das war so grausam, das kann man gar nicht beschreiben«, schildert Höllenreiner den Massenmörder. Eine unbeschreibliche Zeit, die ihm weiterhin den Schlaf raubt und ihn viele Nerven kostet.

Erinnerung kann so vielseitig sein, so verschiedene Aspekte beleuchten – so wie im Deutschen Bundestag der Fokus auf ermordeten Menschen mit Behinderung lag. Es freut uns, diese Vielseitigkeit als Zweitzeug*innen mitzuerleben und mitgestalten zu können. Und das werden wir weiter konstant tun, auch unabhängig von Gedenktagen. Denn die Weltpolitik und weiter aufkeimende rechtspopulistische Strömungen bestätigen uns, wie wichtig es ist, jetzt laut zu sein und sich gegen jede Form von Diskriminierung einzusetzen. Mit Laut sein meinen wir, Partei und klare Stellung zu beziehen. Denn Neutralität und Stillschweigen schützen bekanntlich ja nur die Peiniger…

Ein Bericht von Ruth-Anne Damm

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Was ist HEIMATSUCHER?

Wir von HEIMATSUCHER e.V. interviewen Zeitzeug*innen des Holocausts, dokumentieren ihre Geschichten und erzählen sie dann in Schulklassen und unserer Ausstellung weiter. Der Überlebende Elie Wiesel sagte einmal: »Jeder der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.« Und so sehen wir unseren Auftrag darin, als »Zweitzeug*innen«, (junge) Menschen stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu machen. HEIMATSUCHER e.V. ist laut § 78 SGB VIII anerkannter Träger der freien Jugendhilfe.

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