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Tibi Ram

Der Soldat Tibi Ram ist schon als Patriot aufgewachsen. Sein Herz schlug für sein Geburtsland Ungarn, weniger für seine Religion. Doch für die Nationalsozialisten war er Jude und als sie 1944 seine damalige Heimat besetzten, kam er mit seiner Familie nach Auschwitz, anschließend nach Breslau und dann mit den Todesmärschen nach Bergen-Belsen. Der Tag seiner Befreiung war gleichzeitig auch der Tag, an dem sein Vater starb – sein Bruder starb einen Tag später. Doch wie ein Wunder konzentrierte sich Tibi immer auf die positiven Dinge und fand schließlich einen neuen Traum: der Aufbau des Landes Israel. Heute ist er einer der ältesten Soldaten Israels, hat in jedem der sieben Kriege des Landes gedient, in einem der ersten Kibbuzim geholfen, sein Land zu bebauen und lebt immer noch mit seinen Töchtern in der Gemeinschaft eines Kibbuz.

»When I was there for the first time again and I saw the mass graves, that was the first time I really got touched. I stood at the ramp of Birkenau and I stood there in uniform, and I was proud to stand there.«

geboren 1928 in Deutschland, lebt heute in Jerusalem

Tibi Ram ist ein Patriot durch und durch–als Ungar wie als Israeli. Schon als kleines Kind schlug sein Herz für sein Heimatland. Umso unverständlicher war es, als seine Heimatliebe unter der nazionalsozialistischen Herrschaft nichts mehr zählte. Und selbst nach der Zeit der Verfolgung, nach Lagern und Todesmärschen, war sein erster Impuls, wieder nach Ungarn zurückzukehren. Dass er dort nichts hatte, zu dem er zurückkehren konnte, war eine schwere Lektion.

Israel gab dem Heimatlosen schließlich wieder etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte und Tibi wollte der Beste sein. Wenn die ursprünglichen Siedler sieben Stunden auf dem Feld arbeiteten, arbeitete er zehn. Wenn sie kurze Shorts trugen waren seine kürzer. Diesen Enthusiasmus legt er noch heute an den Tag, wenn er von früher erzählt und uns das Kibbuz zeigt, in dem er lebt.

Es ist schwer zu glauben, mit wie viel Kraft der 80-jährige über Pfützen hüpft und durch den Regen läuft. Mit ungebremsten Elan stürzt er sich in politische Debatten und fragt interessiert nach unserer Meinung.

Die Zeit in Afikim verging wie im Fluge und das Gespräch hinterließ einen heiteren, beinahe unbeschwerten Eindruck, obwohl Tibi in seinen Erzählungen auch die schrecklichen Dinge nicht ausließ. Doch genau dies hat uns besonders nachdenklich gestimmt: Man erwartet keinen fröhlichen Überlebenden. Nach den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges kann man sich so etwas schwer vorstellen. Auch seine Tochter schüttelt den Kopf, als sie kurz aus ihrer Wohnung in der Nachbarschaft herüber kommt und hört, dass ihr Vater wieder einmal gut gelaunt von früher erzählt.

Als Tibi dann an seine Rückkehr in das Vernichtungslager Birkenau mit einer Gruppe israelischer Jugendlicher denkt, ist er wieder nachdenklich. Er erinnert sich, wie er damals das erste Mal von seinen Erlebnissen wirklich berührt worden ist.

Wir können nicht einschätzen, wie es Tibi heute geht. Jeder Überlebende hat sich uns geöffnet – wie weit wissen wir nicht. Aber wir wissen, wie sehr jeder kleine Einblick und jedes Entgegenkommen uns beeindruckt und verändert hat.

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» Fragen? Schreib Tibis Zweitzeugin Sarah.