Zu Besuch bei Tamar Dreifuss

Es ist Sonntag und ich bin ganz aufgeregt. Endlich ist es soweit: Ich werde heute meine erste Heimatsucher-Zeitzeugin besuchen. Ich treffe Vanessa und Björn vor einem kleinen Bungalow in Köln Puhlheim. Wir sind viel zu früh. Also gehen wir noch eine Runde spazieren, bringen uns gegenseitig auf den neuesten Stand und sprechen über das anstehende Interview.

Als wir – immer noch zu früh – wieder vor dem Haus ankommen, steht Tamar Dreifuss schon am Gartentor. Das klemmt manchmal etwas. Nicht, dass wir nicht herein können, weil das Tor nicht aufgeht. Sie erzählt uns, dass sie sich extra schick gemacht hat und ihren Lieblingsschmuck trägt, schließlich bringen wir einen Fotografen mit.

Deutschland ist meine Aufgabe!

sagt Tamar Dreifuss uns im Interview.

Drinnen entdecken wir sofort die vielen Pflanzen – die liebt sie! Die Wände sind voll mit Bildern ihrer Familie und Freunde. Auch Auszeichnung für ihr Engagement rund um die Erinnerungskultur hängen dort. Dazwischen Gemälde ihres berühmten Cousins Samuel Bak, der mittlerweile als erfolgreicher Künstler bei Boston lebt.

Wir machen es uns an Frau Dreifuss’ Esstisch gemütlich. Hier hat sie schon Einiges bereit gelegt. Sie beginnt, uns ihre Geschichte zu erzählen, die eng mit der ihrer Mutter Jette Shapiro verknüpft ist.

Wir hören von ihrer schönen und behüteten Kindheit in Wilna. Tamar Dreifuss erzählt, wie sie 1941 mit 3 Jahren von ihren Eltern getrennt und bei ihrer Tante untergebracht wurde und sich dann dort verplapperte. Sie zeigt uns die kleine abgegriffene Bibel und einen Rosenkranz. Den hatte ihre Mutter von den Schwestern im Kloster geschenkt bekommen, in dem sie sich versteckten. Kurz danach mussten ihre Eltern ins Ghetto nach Ponar ziehen. Tamar blieb erst bei ihrer Tante Janina und wurde dann aber später von ihren Eltern ins Ghetto geholt. 

Tamar erzählte uns von der Zeit im Ghetto, von Hunger und Krankheit, vom Abtransport in den Viehwaggons und von der unglaublichen Flucht aus einem Übergangslager. Und sie erzählte von Tigriss, dem sanften Hund mit den riesigen Zähnen, der ihnen das Leben gerettet hat. Immer wieder zeigt sie uns Bilder aus dem Bilderbuch über ihre Kindheit und Passagen aus dem Buch ihrer Mutter.

Wir sprechen dann über die Zeit nach dem Krieg, über die Jahre in Israel und ihren Mann Harry, den sie erst gar nicht so toll fand. “Der hatte so eine doofe Brille auf”, sagte Tamar Dreifuss. Aber irgendwann funkte es dann doch und mittlerweile sind sie seit 60 Jahren glücklich verheiratet.

Nach etwa drei Stunden verabschieden wir uns voneinander. Tamar Dreifuss Geschichte ist eine bewegende (Über-)Lebensgeschichte. Zu Hause lasse ich mir den Nachmittag mit Frau Dreifuss noch einmal durch den Kopf gehen. „Deutschland ist meine Aufgabe!“, sagte sie uns. Ich freue mich jetzt schon, ihre Geschichte in Schulprojekten an ganz viele Schüler*innen weiterzuerzählen.

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